Wer ein gutes Olivenöl über seinen Salat gibt, nimmt dabei eine Substanz auf, die in fast jedem Fett auf diesem Planeten vorkommt – ob in Nüssen, Avocados oder im menschlichen Körperfett. Trotzdem wissen die wenigsten, was Ölsäure eigentlich ist, wie der Körper sie verarbeitet und warum sie in der Ernährungswissenschaft so viel Aufmerksamkeit bekommt. Dieser Artikel bringt Licht ins Dunkel: von der chemischen Struktur über die Rolle im Stoffwechsel bis hin zu dem, was die Forschung über ihre Wirkung auf Herz, Gefäße und Haut tatsächlich belegen kann.
Was ist Ölsäure? Chemie und Aufbau
Ölsäure, im Englischen oleic acid, ist eine einfach ungesättigte Fettsäure mit 18 Kohlenstoffatomen. Ihre chemische Formel lautet C₁₈H₃₄O₂, und die Summenformel wird als CH₃(CH₂)₇CH=CH(CH₂)₇COOH geschrieben [1]. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort oleum ab, was schlicht „Öl" bedeutet. In der Fachsprache wird sie als Omega-9-Fettsäure klassifiziert und mit der Lipidnummer 18:1 cis-9 abgekürzt [1,2].
Das „cis-9" verrät zwei Dinge: Die einzige Doppelbindung im Kohlenstoffgerüst sitzt an Position 9, und sie liegt in der cis-Konfiguration vor. Das bedeutet, dass die Wasserstoffatome an der Doppelbindung auf derselben Seite des Moleküls stehen. Dadurch entsteht ein Knick in der ansonsten geraden Kohlenstoffkette. Dieser Knick hat Folgen: Ölsäure kann sich weniger dicht packen als gesättigte Fettsäuren, weshalb sie bei Raumtemperatur flüssig ist [1].
Reine Ölsäure ist farb- und geruchlos, wobei handelsübliche Produkte durch Verunreinigungen leicht gelblich sein können [1]. Der Schmelzpunkt liegt je nach kristalliner Form bei 13,4 °C (α-Form) oder 16,3 °C (β-Form) [2]. An Luft oxidiert Ölsäure langsam – ein Vorgang, der bei Lebensmitteln als Ranzigwerden bekannt ist [1].
Ölsäure und Elaidinsäure – zwei Seiten einer Medaille
Ölsäure hat ein Gegenstück: die Elaidinsäure. Chemisch handelt es sich um dasselbe Grundgerüst, doch die Doppelbindung liegt in der trans-Konfiguration vor. Dieser scheinbar kleine Unterschied verändert die Eigenschaften der Fettsäure deutlich. Elaidinsäure ist die häufigste Transfettsäure in der Ernährung und wird mit nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit in Verbindung gebracht [1]. Während Ölsäure den für ungesättigte Fettsäuren typischen Knick aufweist, ähnelt Elaidinsäure in ihrer räumlichen Struktur eher einer gesättigten Fettsäure – sie kann sich dichter packen und hat einen deutlich höheren Schmelzpunkt.
Vorkommen in Lebensmitteln und Ölen
Ölsäure ist die häufigste einfach ungesättigte Fettsäure in der Natur und kommt in nahezu allen pflanzlichen und tierischen Fetten vor [1]. Sie tritt dabei in der Regel nicht frei auf, sondern als Bestandteil von Triglyceriden – also gebunden an ein Glycerinmolekül zusammen mit zwei weiteren Fettsäuren. Erst beim Abbau dieser Triglyceride wird sie freigesetzt [1].
Olivenöl ist die bekannteste Quelle: Je nach Sorte und Anbaugebiet besteht es zu 70 bis 80 Prozent aus Ölsäure [3,4]. Doch auch andere pflanzliche Öle liefern erhebliche Mengen. Rapsöl enthält rund 61 Prozent, Erdnussöl zwischen 36 und 67 Prozent, Pekannussöl 59 bis 75 Prozent und Macadamiaöl etwa 60 Prozent [1]. Für Sonnenblumenöl gibt es inzwischen High-Oleic-Züchtungen, deren Ölsäuregehalt bei rund 80 Prozent liegt – gegenüber 20 bis 80 Prozent bei herkömmlichen Sorten [1].
| Öl / Fett | Ölsäuregehalt (Prozent) |
|---|---|
| Olivenöl | 70 bis 80 |
| Rapsöl | 61 |
| Pekannussöl | 59 bis 75 |
| Macadamiaöl | 60 |
| Erdnussöl | 36 bis 67 |
| Sesamöl | 40 |
| Sonnenblumenöl (High-Oleic) | ca. 80 |
| Hühner- und Putenfett | 37 bis 56 |
| Schweineschmalz | 44 bis 47 |
Wichtig: Die Angaben in der Tabelle sind Richtwerte. Je nach Anbaugebiet, Sorte, Erntezeitpunkt und Verarbeitung können die tatsächlichen Gehalte abweichen [1]. Auch in tierischen Fetten steckt Ölsäure in beträchtlicher Menge. Hühner- und Putenfett enthält 37 bis 56 Prozent, Schweineschmalz 44 bis 47 Prozent [1]. Im menschlichen Fettgewebe ist Ölsäure die am stärksten vertretene Fettsäure [1].
Biosynthese – Wie der Körper Ölsäure herstellt
Anders als die Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren (Linolensäure und Linolsäure) ist Ölsäure keine essentielle Fettsäure. Der menschliche Körper kann sie selbst produzieren [3]. Der zentrale Schritt in dieser Biosynthese wird vom Enzym Stearoyl-CoA-Desaturase 1 (kurz SCD1) gesteuert [3]. Dieses Enzym setzt eine Doppelbindung an Position 9 der Stearinsäure (einer gesättigten C18-Fettsäure) ein und wandelt sie so in Ölsäure um [1,3].
SCD1 ist vor allem in der Leber aktiv, kommt aber auch im Fettgewebe und anderen Organen vor [3]. Die Aktivität dieses Enzyms wird durch die Ernährung beeinflusst: Eine fettreiche Kost kann die SCD1-Expression steigern, während bestimmte mehrfach ungesättigte Fettsäuren sie bremsen [3]. In Tierversuchen zeigten Mäuse ohne funktionsfähiges SCD1-Gen (sogenannte SCD1-Knockout-Mäuse) eine geringere Fettansammlung und waren vor Leberverfettung geschützt – bei gleichzeitig fettreicher Ernährung [3]. Wurde diesen Mäusen jedoch Ölsäure über die Nahrung zugeführt, konnten sich Leberschäden, die durch den Mangel an einfach ungesättigten Fettsäuren entstanden waren, wieder zurückbilden [3].
Dass der Körper Ölsäure selbst herstellen kann, heißt allerdings nicht, dass die Zufuhr über die Nahrung überflüssig wäre. Die Eigenproduktion deckt unter Umständen nicht den gesamten Bedarf, und die Aufnahme über pflanzliche Öle liefert gleichzeitig weitere Begleitstoffe wie Polyphenole oder Vitamin E [4].
Ölsäure und das Herz-Kreislauf-System
Kaum ein Thema wird im Zusammenhang mit Ölsäure so intensiv erforscht wie ihre Wirkung auf Herz und Gefäße. Der Hintergrund: In Mittelmeerländern mit hohem Olivenölkonsum treten bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen seltener auf als in Regionen, die überwiegend gesättigte Fette konsumieren [5]. Die Frage ist, welchen Anteil die Ölsäure daran hat – und was davon auf andere Bestandteile des Olivenöls zurückgeht.
Wirkung auf Cholesterin und Blutfette
Wenn gesättigte Fettsäuren in der Ernährung durch Ölsäure oder andere einfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden, sinkt in der Regel der LDL-Cholesterinspiegel im Blut [6,7]. Metaanalysen schätzen, dass der Austausch von etwa 5 Prozent der täglichen Energiezufuhr aus gesättigten Fetten durch Ölsäure das Risiko für koronare Herzkrankheiten um 20 bis 40 Prozent senken kann – wobei die Reduktion des LDL-Cholesterins als Hauptmechanismus gilt [6]. Wichtig: Diese Werte stammen aus Berechnungen auf Basis von Beobachtungsstudien und Stoffwechselstudien, nicht aus einer einzelnen Interventionsstudie.
Gleichzeitig scheint Ölsäure den HDL-Cholesterinspiegel weniger stark zu senken als mehrfach ungesättigte Fettsäuren es tun, wenn diese gesättigte Fette ersetzen [7]. Das Verhältnis von LDL zu HDL kann sich dadurch günstiger entwickeln. Zudem scheinen Triglyceridwerte im Blut nicht anzusteigen, wie es bei einem Austausch von Fett durch Kohlenhydrate manchmal der Fall ist [7].
Schutz vor LDL-Oxidation
Ein weiterer Mechanismus betrifft die Oxidationsanfälligkeit der LDL-Partikel selbst. In einer frühen experimentellen Arbeit der Universität von Kalifornien (San Diego) aus dem Jahr 1990 zeigte sich: LDL-Partikel, die reich an Ölsäure waren, widerstanden der oxidativen Veränderung deutlich besser als solche mit hohem Linolsäureanteil [8]. Das ist deshalb relevant, weil oxidiertes LDL als besonders schädlich für die Gefäßwände gilt und die Aufnahme in Makrophagen fördert – ein Schlüsselschritt bei der Entstehung von Arteriosklerose [8].
Auch auf zellulärer Ebene gibt es Hinweise: Eine Arbeit von Massaro und Kollegen zeigte in einem In-vitro-Modell, dass Ölsäure die Bildung von Adhäsionsmolekülen auf Endothelzellen hemmen kann, insbesondere das Molekül VCAM-1 [5]. Dieses Protein ist an der Rekrutierung von Monozyten in die Gefäßwand beteiligt. Der Effekt scheint über die Hemmung des Transkriptionsfaktors NF-κB vermittelt zu werden [5].
Die PREDIMED-Studie und ihre Grenzen
Die wohl bekannteste Studie zum Thema ist die PREDIMED-Studie (Prevención con Dieta Mediterránea). In dieser groß angelegten Interventionsstudie in Spanien wurde eine mediterrane Ernährung – ergänzt durch natives Olivenöl extra oder Nüsse – mit einer fettarmen Kontrolldiät verglichen. Das Ergebnis: Die mediterranen Diätgruppen hatten ein geringeres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse [4,9].
Allerdings lässt sich aus PREDIMED nicht ableiten, dass Ölsäure allein für den Effekt verantwortlich ist. Natives Olivenöl extra enthält neben Ölsäure über 30 verschiedene Polyphenole, darunter Hydroxytyrosol und Oleuropein, die eigenständige antioxidative und entzündungshemmende Wirkungen zeigen [4]. Die EFSA hat 2025 einen Health Claim zu den in Olivenöl natürlich vorkommenden phenolischen Verbindungen geprüft – wobei auch hier die Abgrenzung zwischen den Effekten der Ölsäure und jenen der Polyphenole schwierig bleibt [10]. Wer die Vorteile einer olivenölreichen Ernährung ausschließlich auf die Ölsäure zurückführt, macht es sich daher zu einfach.
Ölsäure und Entzündungen
Die entzündungshemmenden Eigenschaften der Ölsäure werden seit Jahren untersucht. Ein Review von Sales-Campos und Kollegen (2013) fasst die bis dahin vorhandenen Ergebnisse zusammen: Ölsäure zeigt in Zellkultur- und Tierversuchen Effekte auf verschiedene Bestandteile des Immunsystems, darunter Makrophagen, Lymphozyten und Neutrophile [11]. In Tiermodellen mit entzündlichen Darmerkrankungen führte eine ölsäurereiche Diät zu einer geringeren Sterblichkeit und weniger ausgeprägten Entzündungszeichen [11].
Ein besonders spannender Forschungszweig beschäftigt sich mit Oleoylethanolamid (OEA), einem körpereigenen Abkömmling der Ölsäure. OEA aktiviert den Rezeptor PPAR-α und zeigt in Tiermodellen sowohl entzündungshemmende als auch appetitzügelnde Eigenschaften [12]. Es wird derzeit als möglicher Ansatz in der Adipositasforschung diskutiert [12]. Allerdings stehen aussagekräftige Studien am Menschen für die meisten dieser Befunde noch aus.
Auch Nitroalkene der Ölsäure (OA-NO₂) werden erforscht. Diese Stickstoffverbindungen entstehen im Körper auf natürlichem Weg und hemmen Entzündungswege wie NF-κB und STAT [11]. In experimentellen Modellen entzündlicher Darmerkrankungen zeigten sie eine stärkere entzündungshemmende Wirkung als Ölsäure selbst [11]. Diese Ergebnisse stammen jedoch überwiegend aus Tier- und Zellversuchen, weshalb ihre Übertragbarkeit auf den Menschen eingeschränkt ist.
Ölsäure und das Gehirn
Ölsäure ist ein Hauptbestandteil der Myelinscheiden, die Nervenfasern im Gehirn umhüllen und die Signalweiterleitung beschleunigen [13]. Auch in den Zellmembranen von Neuronen macht sie einen erheblichen Anteil der Fettsäuren aus. Es liegt daher nahe, dass sie für die normale Gehirnfunktion benötigt wird.
Forschungsarbeiten an Tiermodellen zeigen, dass Omega-9-Fettsäuren wie Ölsäure und ihre Derivate wie 2-Hydroxy-Ölsäure in Modellen von Neurotrauma schmerzlindernde Effekte haben können [13]. Die Autoren einer Übersichtsarbeit bezeichnen das Sicherheitsprofil dieser neuroaktiven Omega-9-Fettsäuren als vergleichsweise günstig und sehen Entwicklungspotenzial für klinische Anwendungen als Schmerzmittel [13]. Auch hier gilt jedoch: Der Weg von tierexperimentellen Ergebnissen bis zu einer gesicherten Anwendung am Menschen ist lang.
Olivenölreiche Ernährung wird in epidemiologischen Studien immer wieder mit einem geringeren Risiko für neurodegenerative Erkrankungen in Verbindung gebracht. Ob und in welchem Ausmaß die Ölsäure daran beteiligt ist, lässt sich bislang nicht eindeutig sagen, da auch hier die Polyphenole und andere Begleitstoffe des Olivenöls eine Rolle spielen könnten [4].
Ölsäure und Körpergewicht
Ein Review aus dem Jahr 2017 kam zu dem Ergebnis, dass eine ölsäurereiche Ernährung für die Regulation des Körpergewichts vorteilhaft sein kann [1]. Einer der möglichen Mechanismen betrifft das bereits erwähnte Oleoylethanolamid (OEA): Dieser Metabolit der Ölsäure wird im Dünndarm gebildet und wirkt als Sättigungssignal. Im Tierversuch reduziert OEA die Nahrungsaufnahme und stimuliert den Fettabbau über die Aktivierung von PPAR-α [12].
Aus Tierversuchen mit SCD1-Knockout-Mäusen weiß man zudem, dass eine verminderte körpereigene Ölsäureproduktion vor Fettleibigkeit schützen kann – selbst bei fettreicher Ernährung [3]. Das klingt zunächst widersprüchlich: Ölsäure in der Nahrung soll helfen, aber weniger Ölsäure im Körper schützt auch? Der Unterschied liegt in den Stoffwechselwegen. Wird weniger Ölsäure endogen synthetisiert, wird gleichzeitig die Fettverbrennung (β-Oxidation) in der Leber hochreguliert, während die Fettneubildung (de novo Lipogenese) gebremst wird [3]. Die Zufuhr über die Nahrung hat dagegen keinen vergleichbaren Einfluss auf diese Enzymkaskaden.
Für den Menschen fehlen bisher große, kontrollierte Interventionsstudien, die isoliert den Effekt von Ölsäure auf das Körpergewicht untersuchen. Die vorhandene Forschung legt nahe, dass es vor allem der Austausch von gesättigten Fetten gegen einfach ungesättigte Fette ist, der günstige Effekte zeigt – nicht eine zusätzliche Aufnahme von Ölsäure auf eine ohnehin fettreiche Ernährung [6].
Ölsäure und die Leber
Die Beziehung zwischen Ölsäure und der Lebergesundheit ist nicht eindeutig. In Tierversuchen zeigte sich, dass Ölsäure kurzfristig Leberschäden durch Mangel an einfach ungesättigten Fettsäuren beheben kann [3]. Auf der anderen Seite gibt es Hinweise, dass eine langfristige Exposition von Leberzellen (Hepatozyten) gegenüber Ölsäure Stress im endoplasmatischen Retikulum auslösen kann [14].
Ein Übersichtsartikel zum Thema Ölsäure und Leber beschreibt diesen Widerspruch: Manche Studien schreiben Ölsäure schützende Effekte bei nicht-alkoholischer Fettlebererkrankung (NAFLD) zu, während andere zeigen, dass Ölsäure in Hepatozyten zur Fettansammlung beitragen kann [3,14]. Entscheidend scheinen die Menge und der Zeitraum der Exposition zu sein. Ein moderater Konsum über die Nahrung ist nach aktuellem Wissensstand unbedenklich; die negativen Befunde stammen vor allem aus Experimenten mit isolierten Zellen und hohen Konzentrationen [14].
Ölsäure in der Hautpflege
In der Kosmetik und Pharmazie wird Ölsäure als Emolliens (Weichmacher) und Penetrationsverstärker eingesetzt [15,16]. Sie macht die Haut geschmeidig, hilft beim Eindringen anderer Wirkstoffe durch die Hautbarriere und kann als Emulgator in Cremes dienen. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA stuft Ölsäure als GRAS (Generally Recognized as Safe) ein [15].
Wirkung auf die Hautbarriere
Ölsäure kann die Lipidstrukturen der Hornschicht (Stratum corneum) verändern und so den Transport von Wirkstoffen durch die Haut fördern [16]. Eine Studie von Naik und Kollegen untersuchte den Mechanismus dieser Penetrationsverstärkung am Menschen und zeigte, dass Ölsäure die geordnete Struktur der Hornschichtlipide stört – was anderen Stoffen den Durchtritt erleichtert [16].
Eine Untersuchung zur Hautverträglichkeit von Ölsäure ergab ein differenziertes Bild: In Zellkulturen ohne schützende Hornschicht war Ölsäure schon in geringen Mengen zytotoxisch. Wurde sie jedoch auf intakte Haut aufgetragen – sowohl auf rekonstruierte Epidermis als auch auf menschliche Haut in vivo –, blieb die Gewebestruktur unversehrt [17]. Geringe Mengen reichten allerdings aus, um die Bildung des Entzündungsbotenstoffs IL-1α anzuregen. In der Praxis äußert sich das bei manchen Menschen als leichte, vorübergehende Hautirritation [17]. Die intakte Hornschicht wirkt dabei als natürliche Schutzbarriere, die den Kontakt der Ölsäure mit den tieferen Hautschichten begrenzt.
Ölsäure und komedogenes Risiko
Öle mit hohem Ölsäuregehalt werden in der Hautpflege häufig als komedogen (porenverstopdend) eingestuft [18]. Die Grundlage dafür lieferten vor allem Versuche aus den 1980er-Jahren, bei denen Substanzen auf Kaninchenohren getestet wurden [19]. Diese Methode ist jedoch umstritten, da Kaninchenohren empfindlicher reagieren als menschliche Gesichtshaut.
In der Praxis zeigt sich: Öle mit einem hohen Anteil an Linolsäure (einer Omega-6-Fettsäure) gelten als weniger komedogen als ölsäurereiche Öle [18,20]. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Akne oft einen niedrigeren Linolsäuregehalt im Hauttalg aufweisen, was die Talgkonsistenz zähflüssiger macht und Poren leichter verstopft [18]. Ölsäurereiche Öle wie Olivenöl oder Avocadoöl eignen sich daher eher für trockene und reife Haut, während zu Unreinheiten neigende Haut von linolsäurereichen Ölen wie Hanf- oder Sonnenblumenöl (klassische Variante) profitieren kann [18,20].
Wichtig: Der Ölsäuregehalt allein bestimmt nicht, ob ein Öl Poren verstopft. Die Gesamtzusammensetzung, die Konzentration im Endprodukt und individuelle Hautfaktoren spielen eine ebenso große Rolle [18].
Ölsäure als Penetrationsverstärker in der Pharmazie
Über die Kosmetik hinaus hat Ölsäure in der pharmazeutischen Forschung einen festen Platz als Hilfsstoff für die topische und transdermale Arzneimittelverabreichung [15]. Ihre Fähigkeit, die Hautbarriere vorübergehend durchlässiger zu machen, wird genutzt, um Medikamente effizienter durch die Haut zu schleusen. Verschiedene Nanosysteme auf Ölsäurebasis – darunter Nanoemulsionen, Liposomen und sogenannte Olaminosomen – werden erforscht, um die Wirkstofffreisetzung gezielter zu steuern und Nebenwirkungen wie Hautreizungen zu verringern [15].
Ölsäure gilt in diesem Zusammenhang als biologisch abbaubar, verträglich und ungiftig [15]. Ihre Verwendung in Augen- und Hautpräparaten wird in der Fachliteratur als sicher bewertet, solange die Formulierung sachgerecht erfolgt. Dennoch ist freie Ölsäure in höherer Konzentration nicht unbedenklich: In-vitro-Tests zeigten, dass sie rote Blutkörperchen zerstören kann (Hämolyse), weshalb die intravenöse Gabe oder die Aufnahme großer Mengen freier Ölsäure schädlich wäre [15].
Ölsäure in der Lebensmittelindustrie
In der Lebensmittelindustrie wird Ölsäure vor allem indirekt genutzt – als Hauptbestandteil von pflanzlichen Ölen, die zum Kochen, Braten und als Zutat in verarbeiteten Lebensmitteln dienen. Öle mit hohem Ölsäureanteil haben einen praktischen Vorteil: Sie sind oxidationsstabiler als Öle mit hohem Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren [1]. Das verlängert die Haltbarkeit und macht sie hitzebeständiger beim Frittieren.
Aus diesem Grund wurden High-Oleic-Züchtungen von Sonnenblumen, Raps und Soja entwickelt, deren Ölsäuregehalt auf über 70 bis 80 Prozent gesteigert wurde [1]. Die US-amerikanische FDA hat für Öle mit mehr als 70 Prozent Ölsäure einen Health Claim zugelassen, der ein verringertes Risiko für koronare Herzkrankheiten beschreibt [1]. Voraussetzung ist jedoch, dass der erhöhte Gehalt an einfach ungesättigter Ölsäure mit einer deutlichen Reduktion mehrfach ungesättigter Fettsäuren (insbesondere α-Linolensäure) einhergeht [1].
Neben der Lebensmittelbranche findet Ölsäure Verwendung in der Seifenherstellung (die Salze der Ölsäure heißen Oleate), als Gleitmittel in der Industrie und als Ausgangsstoff für Azelainsäure, die wiederum in der Dermatologie zur Aknebehandlung eingesetzt wird [1].
Wie viel Ölsäure braucht der Mensch?
Eine offizielle Zufuhrempfehlung speziell für Ölsäure oder Omega-9-Fettsäuren gibt es nicht [1]. Das liegt daran, dass der Körper Ölsäure selbst herstellen kann und sie deshalb nicht als essentiell gilt. Allgemeine Ernährungsempfehlungen raten jedoch dazu, gesättigte Fette teilweise durch einfach ungesättigte Fettsäuren zu ersetzen – was in der Praxis auf einen erhöhten Konsum von ölsäurereichen Lebensmitteln hinausläuft [6].
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, dass Fett insgesamt 30 Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen sollte, wobei der Anteil an gesättigten Fettsäuren unter 10 Prozent liegen sollte. Einfach ungesättigte Fettsäuren wie Ölsäure können den Rest zusammen mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren abdecken. In Ländern mit mediterraner Ernährungstradition liefern einfach ungesättigte Fettsäuren bis zu 29 Prozent der täglichen Kalorien [5].
Eine Supplementierung mit isolierter Ölsäure ist in der Regel nicht nötig. Wer regelmäßig Olivenöl, Rapsöl, Nüsse oder Avocados in seinen Speiseplan einbaut, nimmt in der Regel ausreichend Ölsäure auf. Der Mehrwert liegt dabei weniger in der Ölsäure allein als in der Gesamtheit der in diesen Lebensmitteln enthaltenen Stoffe.
Grenzen der Forschung
Trotz der umfangreichen Forschungslage gibt es mehrere Einschränkungen, die bei der Bewertung der Ölsäure berücksichtigt werden müssen.
Erstens stammen viele der beschriebenen Wirkungen aus Tier- und Zellversuchen. Ergebnisse aus dem Reagenzglas oder aus Experimenten mit Mäusen lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen. Die Autoren des Reviews von Sales-Campos (2013) weisen selbst darauf hin, dass weitere Studien am Menschen nötig sind, um die Eigenschaften der Ölsäure besser einordnen zu können [11]. Auch die Universität Sevilla betont in ihrer Übersichtsarbeit von 2023, dass die meisten Studien zur Ölsäure an Tieren durchgeführt wurden [12].
Zweitens ist es in Ernährungsstudien schwierig, die Wirkung einer einzelnen Fettsäure zu isolieren. Wer Olivenöl zu sich nimmt, nimmt gleichzeitig Polyphenole, Vitamin E, Phytosterole und weitere Begleitstoffe auf [4,9]. Die Effekte lassen sich nur schwer einer einzelnen Komponente zuschreiben.
Drittens ist die Studienlage zu manchen Bereichen – etwa zur Wirkung auf neurodegenerative Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten – noch dünn und beruht oft auf epidemiologischen Beobachtungen, die keine Kausalität belegen können.
Ölsäure auf einen Blick
| Eigenschaft | Details |
|---|---|
| Chemische Bezeichnung | cis-9-Octadecensäure |
| Summenformel | C₁₈H₃₄O₂ |
| Lipidnummer | 18:1 cis-9 |
| Klassifikation | Omega-9-Fettsäure, einfach ungesättigt |
| Schmelzpunkt | 13,4 °C (α-Form) / 16,3 °C (β-Form) |
| Essentiell? | Nein – körpereigene Synthese möglich |
| Hauptquellen | Olivenöl, Rapsöl, Nüsse, Avocado, tierische Fette |
| Biosynthese-Enzym | Stearoyl-CoA-Desaturase 1 (SCD1) |
📚 Quellen (20 Quellen)
Quellen
- Oleic acid. Wikipedia – basierend auf Daten aus PubChem (CID 445639), Encyclopaedia Britannica und NIST WebBook.
- Oleic acid. Encyclopaedia Britannica, aktualisiert 2018.
- Ferreri C, Ferreri R, Ferreri M et al. Role of Oleic Acid in the Gut-Liver Axis: From Diet to the Regulation of Its Synthesis via Stearoyl-CoA Desaturase 1 (SCD1). Nutrients. 2019;11(10):2283.
- Ferrara F, Ferrara M et al. The Role of Olive Oil in Cardiometabolic Risk. Nutrients. 2025.
- Massaro M, Carluccio MA, De Caterina R. Direct vascular antiatherogenic effects of oleic acid: a clue to the cardioprotective effects of the Mediterranean diet. Cardiologia. 1999;44(6):507-513.
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- Parthasarathy S, Khoo JC, Miller E, Barnett J, Witztum JL, Steinberg D. Low density lipoprotein rich in oleic acid is protected against oxidative modification: implications for dietary prevention of atherosclerosis. Proceedings of the National Academy of Sciences. 1990;87(10):3894-3898.
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- EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens. Phenolic compounds naturally present in olive oil and lowering of blood LDL-cholesterol and systolic blood pressure. EFSA Journal. 2025;23(5):e9470.
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