Peptide – Was können die Eiweißbausteine wirklich?

Y Yannik 27. Januar 2026 17 Min. Lesezeit
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Sie stecken in jedem Stück Fleisch, in jeder Tasse Milch und in Ihrer Haut. Und doch wissen die wenigsten, was Peptide eigentlich sind. Die Kosmetikindustrie bewirbt sie als Wundermittel gegen Falten, Sportler schwören auf sie für den Muskelaufbau, und Wissenschaftler erforschen sie als mögliche Medikamente. Gleichzeitig kursieren Halbwahrheiten und übertriebene Versprechen. Was können diese Moleküle tatsächlich – und was gehört ins Reich der Marketingmythen? Die Antworten fallen differenzierter aus, als manche Werbung glauben machen will.

Peptide: Die Grundlagen einfach erklärt

Peptide sind kleine Eiweißbausteine. Genauer gesagt bestehen sie aus Aminosäuren, den Grundbausteinen aller Proteine. Der menschliche Körper nutzt 20 verschiedene Aminosäuren, um daraus Tausende unterschiedlicher Peptide und Proteine herzustellen. Die einzelnen Aminosäuren werden durch sogenannte Peptidbindungen miteinander verbunden – chemische Brücken, die durch eine Reaktion zwischen einer Aminogruppe und einer Carboxylgruppe entstehen. Dieser Prozess findet in jeder lebenden Zelle statt, gesteuert durch die genetische Information in der DNA [1].

Die Grenze zwischen Peptiden und Proteinen verläuft fließend. Als Faustregel gilt: Moleküle mit weniger als etwa 100 Aminosäuren werden als Peptide bezeichnet, längere Ketten als Proteine. Manche Fachleute setzen die Grenze auch bei 50 Aminosäuren. Wichtig: Es handelt sich um dieselbe Chemie, nur die Größe unterscheidet sich. Ein Dipeptid besteht aus zwei Aminosäuren, ein Tripeptid aus drei, ein Oligopeptid aus bis zu zehn und ein Polypeptid aus mehr als zehn Aminosäuren [2].

BezeichnungAnzahl AminosäurenBeispiel
Dipeptid2Carnosin
Tripeptid3Glutathion
Oligopeptid4–10Angiotensin II
Polypeptid11–100Insulin
Proteinmehr als 100Hämoglobin

Warum ist diese Unterscheidung überhaupt wichtig? Die Größe bestimmt, wie der Körper mit diesen Molekülen umgeht. Kleine Peptide können teilweise direkt über den Darm aufgenommen werden, während Proteine erst zerlegt werden müssen. Das hat Auswirkungen darauf, wie schnell und effektiv ein Stoff wirken kann – ein Aspekt, der bei Nahrungsergänzungsmitteln häufig übersehen wird.

Körpereigene Peptide und ihre Aufgaben

Der menschliche Körper produziert Hunderte verschiedener Peptide, die als Botenstoffe, Hormone oder Enzyme fungieren. Viele lebenswichtige Prozesse werden durch diese kleinen Moleküle gesteuert. Ihre Wirkungen reichen von der Regulierung des Blutzuckerspiegels bis hin zur Kontrolle von Hunger und Sättigung. Ohne Peptide würde der Organismus schlicht nicht funktionieren. Gleichzeitig ist nicht jedes Peptid automatisch gesundheitsfördernd – manche können bei übermäßiger Produktion Probleme verursachen [3].

Hormone: Botenstoffe mit weitreichender Wirkung

Zu den bekanntesten Peptidhormonen gehört Insulin. Dieses 51 Aminosäuren lange Polypeptid wird in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse produziert und reguliert den Blutzuckerspiegel. Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes ist die Insulinproduktion gestört, weshalb sie das Hormon von außen zuführen müssen. Insulin war 1921 das erste Peptidhormon, das isoliert und medizinisch eingesetzt wurde – ein Meilenstein der Medizingeschichte [4].

Weitere wichtige Peptidhormone sind Glukagon, das den Blutzucker erhöht, sowie die Wachstumshormone Somatotropin und IGF-1. Auch die sogenannten Inkretine GLP-1 und GIP gehören dazu. GLP-1-Analoga wie Semaglutid werden heute als Medikamente gegen Diabetes und Übergewicht eingesetzt. Ihre Wirkung beruht darauf, dass sie die Magenentleerung verlangsamen und das Sättigungsgefühl verstärken. Die Halbwertszeit von natürlichem GLP-1 beträgt nur etwa zwei Minuten, weshalb die pharmazeutisch hergestellten Varianten chemisch verändert wurden, um länger im Körper zu verbleiben [5].

Neuropeptide: Signale im Nervensystem

Im Gehirn und Nervensystem arbeiten spezielle Peptide als Neurotransmitter oder Neuromodulatoren. Endorphine, auch als körpereigene Schmerzmittel bekannt, sind Peptide aus 16 bis 31 Aminosäuren. Sie binden an dieselben Rezeptoren wie Morphin und können Schmerzen lindern sowie Wohlgefühl auslösen. Beim Sport werden vermehrt Endorphine freigesetzt – das sogenannte Runner's High ist jedoch nicht allein auf sie zurückzuführen, wie neuere Forschungen zeigen [6].

Oxytocin, ein Peptid aus neun Aminosäuren, wird oft als Bindungshormon bezeichnet. Es wird bei körperlicher Nähe, beim Stillen und bei sozialen Interaktionen ausgeschüttet. Die mediale Darstellung als reines Kuschelhormon ist jedoch etwas irreführend. Oxytocin kann je nach Kontext unterschiedliche Effekte haben und auch Misstrauen gegenüber Fremden verstärken [7].

Antimikrobielle Peptide: Die körpereigene Abwehr

Der Körper verfügt über ein Arsenal kleiner Peptide, die Krankheitserreger direkt bekämpfen können. Defensine und Cathelicidine sind Beispiele für solche antimikrobiellen Peptide. Sie werden in der Haut, den Schleimhäuten und von Immunzellen produziert. Ihre Wirkung beruht darauf, dass sie die Zellmembranen von Bakterien durchlöchern können. Im Gegensatz zu klassischen Antibiotika entwickeln Bakterien gegen antimikrobielle Peptide seltener Resistenzen, weshalb sie als mögliche Alternative erforscht werden [8].

Lactoferricin, ein Peptid aus der Muttermilch, besitzt ebenfalls antimikrobielle Eigenschaften. Es entsteht durch den Abbau des Milchproteins Lactoferrin im Verdauungstrakt. Ob die Aufnahme über Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich die Immunabwehr stärkt, ist wissenschaftlich jedoch nicht eindeutig belegt. Studien zeigen unterschiedliche Ergebnisse je nach Dosierung und Verabreichungsform [9].

Bioaktive Peptide aus der Nahrung

Bei der Verdauung von Proteinen entstehen im Magen-Darm-Trakt zahlreiche Peptide. Einige davon haben biologische Aktivitäten, die über die reine Nährstoffversorgung hinausgehen. Diese sogenannten bioaktiven Peptide werden seit den 1980er-Jahren intensiv erforscht. Ob sie im Körper tatsächlich die Effekte zeigen, die in Laborversuchen beobachtet wurden, ist allerdings nicht immer geklärt. Die Aufnahme über den Darm und der Transport zum Zielort stellen oft Hürden dar [10].

Peptide aus Milchprodukten

Milch enthält Casein und Molkenproteine, aus denen bei der Verdauung oder industriellen Verarbeitung verschiedene bioaktive Peptide entstehen. Dazu gehören beispielsweise Casomorphine. Dies sind Peptide, die an Opioidrezeptoren binden können. Ihre Wirkung ist jedoch deutlich schwächer als die echter Opioide, und ob sie nach oraler Aufnahme überhaupt ins Gehirn gelangen, ist umstritten. Behauptungen über eine Suchtgefahr durch Käse sind wissenschaftlich nicht nachvollziehbar [11].

Lactokinins und Casoplatelins sind Peptide aus Milchproteinen, die im Labor blutdrucksenkende oder gerinnungshemmende Wirkungen zeigten. Die Firma Valio vermarktet seit den 1990er-Jahren ein Milchgetränk mit sogenannten Tripeptiden (IPP und VPP), die den Blutdruck senken sollen. Meta-Analysen zeigen eine Blutdrucksenkung von durchschnittlich 1 bis 4 mmHg systolisch – ein Effekt, der statistisch messbar, aber klinisch für die meisten Menschen kaum relevant ist [12].

Peptid aus MilchHerkunftBeschriebene WirkungEvidenzlage
IPP/VPPCaseinBlutdrucksenkungModerat (kleine Effekte)
CasomorphineCaseinOpioid-ähnlichSchwach (fragliche Aufnahme)
LactoferricinLactoferrinAntimikrobiellPräklinisch (wenig Humanstudien)
GlycomacropeptidKappa-CaseinSättigendWidersprüchlich

Peptide aus anderen Nahrungsquellen

Auch Fisch, Fleisch, Eier und pflanzliche Lebensmittel enthalten Proteine, aus denen bioaktive Peptide entstehen können. Aus Sojabohnen wurden Peptide isoliert, die ACE-hemmende Eigenschaften haben – sie blockieren also ein Enzym, das den Blutdruck erhöht. Ähnliche Peptide finden sich in Reisprotein, Erbsen und Weizen. Die Effekte im menschlichen Körper sind jedoch meist deutlich schwächer als bei Medikamenten [13].

Aus Fischkollagen werden sogenannte marine Kollagenpeptide gewonnen. Hersteller bewerben sie für Hautgesundheit und Gelenkfunktion. Tatsächlich gibt es Studien, die positive Effekte auf die Hautelastizität zeigen. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2021 ergab eine durchschnittliche Verbesserung der Hautfeuchtigkeit nach 8 bis 12 Wochen Einnahme. Die Effektstärken schwankten jedoch erheblich, und die methodische Qualität vieler Studien ließ zu wünschen übrig [14].

Kollagenpeptide: Der Markt boomt

Kollagen ist das häufigste Protein im menschlichen Körper. Es bildet das Gerüst von Haut, Knochen, Knorpel und Bindegewebe. Mit zunehmendem Alter nimmt die körpereigene Kollagenproduktion ab, weshalb Nahrungsergänzungsmittel mit Kollagenpeptiden als Anti-Aging-Produkte vermarktet werden. Der globale Markt für Kollagenpräparate wurde 2022 auf etwa 5 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr [15].

Wie werden Kollagenpeptide hergestellt?

Die industrielle Gewinnung erfolgt meist durch enzymatische Hydrolyse von tierischem Kollagen. Als Rohstoffe dienen Schweine- oder Rinderhäute, Fischgräten oder Geflügelknochen. Durch die Behandlung mit Enzymen wie Pepsin oder Kollagenase wird das große Kollagenmolekül in kleinere Fragmente zerlegt. Das Ergebnis sind Peptide mit Molekulargewichten zwischen 2.000 und 10.000 Dalton – klein genug, um im Darm aufgenommen zu werden [16].

Die Bioverfügbarkeit von Kollagenpeptiden ist tatsächlich besser als die von intaktem Kollagen. Studien mit radioaktiv markierten Peptiden zeigen, dass etwa 90 bis 95 Prozent nach oraler Aufnahme ins Blut gelangen. Allerdings bedeutet Aufnahme nicht automatisch Wirksamkeit. Die Peptide werden im Blut weiter abgebaut und erreichen die Haut in Form von Aminosäuren oder sehr kleinen Peptidbruchstücken [17].

Was sagen die Studien?

Die Datenlage zu Kollagenpeptiden ist uneinheitlich. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit 69 Frauen zwischen 35 und 55 Jahren zeigte nach 8 Wochen Einnahme von 2,5 oder 5 Gramm Kollagenpeptiden eine Verbesserung der Hautelastizität um etwa 7 Prozent im Vergleich zur Placebogruppe. Die Hautfeuchtigkeit verbesserte sich hingegen nicht statistisch bedeutsam [18].

Für die Gelenkgesundheit gibt es ebenfalls Hinweise auf positive Effekte. Eine Studie mit 147 Sportlern fand nach 24 Wochen Einnahme von 10 Gramm Kollagenhydrolysat eine Verringerung von Gelenkschmerzen bei Belastung. Die Effekte waren jedoch moderat, und andere Studien konnten sie nicht reproduzieren. Insgesamt ist die Evidenz für Kollagenpeptide bei Arthrose als mäßig einzustufen [19].

AnwendungsbereichTypische DosisStudiendauerEffektstärke
Hautelastizität2,5–10 g/Tag8–12 WochenGering bis moderat
Gelenkschmerzen10 g/Tag12–24 WochenModerat
Knochendichte5 g/Tag12 MonateUnklar
Muskelmasse15 g/Tag12 WochenGering

Kritisch anzumerken ist, dass viele Studien von Herstellern finanziert wurden. Unabhängige Untersuchungen sind seltener und zeigen oft geringere Effekte. Zudem fehlen Langzeitstudien über mehrere Jahre. Die Frage, ob die beobachteten Verbesserungen klinisch bedeutsam sind oder ob die Einnahme ausreichend Protein aus der normalen Ernährung nicht denselben Effekt hätte, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt [20].

Peptide in der Kosmetik

Die Kosmetikindustrie hat Peptide längst als Verkaufsargument entdeckt. In Anti-Aging-Cremes finden sich Inhaltsstoffe wie Matrixyl, Argireline oder Copper Peptides. Die Versprechen reichen von Faltenreduktion bis hin zu botox-ähnlichen Effekten. Was davon wissenschaftlich haltbar ist und was reine Marketingsprache, lohnt sich genauer zu betrachten.

Signalpeptide und ihre angebliche Wirkung

Sogenannte Signalpeptide sollen die Kollagenproduktion in der Haut anregen. Das bekannteste ist Palmitoyl Pentapeptide-4, vermarktet als Matrixyl. In Zellkulturexperimenten stimulierte diese Substanz tatsächlich Fibroblasten zur Produktion von Kollagen und Hyaluronsäure. Das Problem: Zellkultur ist nicht Haut. Ob ein aufgetragenes Peptid die Hautbarriere überhaupt durchdringen und in tiefere Schichten vordringen kann, ist fraglich [21].

Eine unabhängige Studie aus dem Jahr 2009 untersuchte Matrixyl an 93 Frauen über 84 Tage. Die behandelten Hautareale zeigten eine Verringerung der Faltentiefe um durchschnittlich 14 Prozent im Vergleich zur Kontrolle. Klingt zunächst gut, doch die absolute Veränderung war minimal und für das bloße Auge kaum wahrnehmbar. Zudem enthielt das getestete Produkt neben dem Peptid weitere Wirkstoffe, sodass der Effekt nicht eindeutig zugeordnet werden kann [22].

Neurotransmitter-hemmende Peptide

Argireline (Acetyl Hexapeptide-3) wird als topisches Botox beworben. Es soll die Muskelkontraktion hemmen und so Mimikfalten reduzieren. Der Mechanismus ist theoretisch plausibel: Das Peptid blockiert Proteine, die für die Freisetzung von Neurotransmittern nötig sind. In Laborversuchen mit isolierten Nerven-Muskel-Präparaten zeigte es tatsächlich eine hemmende Wirkung [23].

Ob diese Wirkung bei der Anwendung auf die Haut eintritt, ist jedoch eine andere Frage. Das Peptid müsste zunächst durch die Hautbarriere gelangen und dann die Nervenenden in der Gesichtsmuskulatur erreichen. Klinische Studien zeigen bestenfalls minimale Effekte auf die Faltentiefe, weit entfernt von den Ergebnissen einer Botox-Injektion. Die Bezeichnung topisches Botox ist daher etwas irreführend [24].

Kupferpeptide

Kupferpeptide wie GHK-Cu werden seit den 1970er-Jahren erforscht. Sie sollen die Wundheilung fördern und antioxidativ wirken. Tatsächlich zeigte sich in Studien, dass GHK-Cu die Produktion von Kollagen und Glykosaminoglykanen in Fibroblasten anregt. In der Wundheilung wird es medizinisch eingesetzt, etwa in Verbandsmaterialien [25].

Für die kosmetische Anwendung zur Hautverjüngung ist die Evidenz weniger eindeutig. Es existieren Studien mit positiven Ergebnissen, doch diese wurden häufig von Herstellern finanziert oder hatten methodische Schwächen. Unabhängige Vergleichsstudien mit etablierten Wirkstoffen wie Retinol fehlen weitgehend. Kupferpeptide können durchaus sinnvolle Inhaltsstoffe sein, aber die Erwartungen sollten nicht überzogen sein.

Peptide als Nahrungsergänzungsmittel

Neben Kollagenpeptiden werden zahlreiche weitere Peptidpräparate als Supplemente verkauft. Kreatin-Peptide, Glutathion, Carnosin und diverse körpereigene Hormone werden beworben. Die rechtliche Situation ist dabei oft undurchsichtig: Manche Substanzen fallen unter das Arzneimittelrecht, andere dürfen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden, obwohl ihre Wirksamkeit nicht belegt ist.

Glutathion: Das Master-Antioxidans

Glutathion ist ein Tripeptid aus Glutamat, Cystein und Glycin. Es wird vom Körper selbst hergestellt und ist an der Entgiftung sowie dem Schutz vor oxidativem Stress beteiligt. Nahrungsergänzungsmittel mit Glutathion werden für Immunsystem, Hautaufhellung und Leberentgiftung beworben. Die orale Aufnahme ist jedoch problematisch: Glutathion wird im Magen-Darm-Trakt weitgehend zu seinen Aminosäuren abgebaut, bevor es aufgenommen wird [26].

Neuere Präparate enthalten liposomales Glutathion, das in Fettkügelchen verpackt ist und so besser aufgenommen werden soll. Studien zeigen tatsächlich erhöhte Blutspiegel nach Einnahme liposomaler Formen. Ob dies zu messbaren gesundheitlichen Vorteilen führt, ist jedoch nicht nachgewiesen. Die beworbenen Effekte auf Hautfarbe, Entgiftung oder Immunsystem basieren größtenteils auf theoretischen Überlegungen und nicht auf soliden klinischen Studien [27].

BPC-157 und andere experimentelle Peptide

Im Internet werden Peptide wie BPC-157, TB-500 oder verschiedene Wachstumshormon-Analoga als Wundermittel für Heilung, Muskelaufbau oder Anti-Aging verkauft. BPC-157 ist ein synthetisches Peptid, das aus einem Magenprotein abgeleitet wurde. Tierstudien zeigen heilungsfördernde Effekte bei verschiedenen Gewebetypen. Klinische Studien am Menschen fehlen jedoch fast vollständig [28].

Der Verkauf dieser Substanzen erfolgt oft in einer rechtlichen Grauzone als Forschungschemikalien oder über ausländische Quellen. Die Qualität und Reinheit sind nicht kontrolliert. Die Selbstmedikation mit solchen Peptiden birgt Risiken: Verunreinigungen, falsche Dosierungen und unbekannte Langzeiteffekte. Seriöse Mediziner raten von der Anwendung außerhalb klinischer Studien ab.

Peptide in der Medizin

Anders als bei Nahrungsergänzungsmitteln ist der medizinische Einsatz von Peptiden streng reguliert und gut erforscht. Zahlreiche Peptidmedikamente sind zugelassen und werden seit Jahrzehnten eingesetzt. Ihre Wirksamkeit und Sicherheit wurden in umfangreichen klinischen Studien nachgewiesen.

Zugelassene Peptidmedikamente

Insulin war das erste Peptidhormon, das therapeutisch eingesetzt wurde. Heute existieren zahlreiche Insulinvarianten mit unterschiedlichen Wirkprofilen. Weitere wichtige Peptidmedikamente sind Calcitonin bei Osteoporose, Desmopressin bei Diabetes insipidus, Octreotid bei hormonproduzierenden Tumoren und die bereits erwähnten GLP-1-Analoga wie Semaglutid bei Diabetes und Adipositas [29].

Ein Nachteil von Peptidmedikamenten ist ihre eingeschränkte Bioverfügbarkeit bei oraler Gabe. Die meisten müssen injiziert werden, da sie im Magen-Darm-Trakt abgebaut würden. Semaglutid ist eines der wenigen Peptidmedikamente, das auch als Tablette verfügbar ist – möglich wurde dies durch eine spezielle Formulierung, die den Magen schützt und die Aufnahme verbessert. Die orale Version enthält einen Absorptionsverstärker, der die Darmschleimhaut vorübergehend durchlässiger macht [30].

Peptide in der Krebstherapie

In der Onkologie werden Peptide als Zielstrukturen und als Therapeutika erforscht. Sogenannte Peptid-Rezeptor-Radionuklid-Therapien nutzen radioaktiv markierte Peptide, die an Tumorzellen binden und diese gezielt bestrahlen. Das Verfahren wird bei neuroendokrinen Tumoren eingesetzt und zeigt gute Ergebnisse bei Patienten, die auf andere Therapien nicht ansprechen [31].

Auch Krebsimpfstoffe auf Peptidbasis werden entwickelt. Sie sollen das Immunsystem trainieren, Tumorzellen anhand bestimmter Peptidmarker zu erkennen und anzugreifen. Bisherige Ergebnisse sind gemischt – einige Ansätze zeigten Wirksamkeit, andere scheiterten in klinischen Studien. Die Forschung auf diesem Gebiet ist jedoch intensiv und vielversprechend [32].

Kritische Einordnung: Was Peptide können und was nicht

Die Vermarktung von Peptiden als Nahrungsergänzungsmittel oder Kosmetika übertrifft häufig das, was wissenschaftlich belegt ist. Körpereigene Peptide erfüllen wichtige Funktionen, doch das bedeutet nicht automatisch, dass die Einnahme von außen dieselben Effekte erzielt. Der Körper reguliert seine Peptidspiegel präzise, und eine unkontrollierte Zufuhr kann das Gleichgewicht stören.

Die Bioverfügbarkeitsfrage

Das größte Problem bei oral eingenommenen Peptiden ist ihre Aufnahme. Die meisten werden im Magen-Darm-Trakt durch Enzyme zerlegt, bevor sie wirken können. Kollagenpeptide bilden teilweise eine Ausnahme, da sie in relevanten Mengen aufgenommen werden. Doch selbst dann stellt sich die Frage, ob sie am Zielort – etwa der Haut oder den Gelenken – in ausreichender Konzentration ankommen [33].

Bei topischer Anwendung in Kosmetika ist die Hautbarriere das Hindernis. Die Hornschicht der Haut verhindert normalerweise das Eindringen größerer Moleküle. Peptide sind zwar klein genug, um theoretisch durchzudringen, doch die tatsächliche Penetration hängt von der Formulierung ab und ist meist gering. Ob die Mengen, die in tiefere Hautschichten gelangen, für eine biologische Wirkung ausreichen, ist bei vielen Produkten fraglich.

Studienqualität und Interessenkonflikte

Ein kritischer Blick auf die Studienlage zeigt, dass viele Untersuchungen zu Peptid-Nahrungsergänzungsmitteln und -Kosmetika von Herstellern finanziert oder durchgeführt wurden. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Ergebnisse falsch sind, aber es erhöht das Risiko für Verzerrungen. Studien mit negativen Ergebnissen werden seltener veröffentlicht, positive Effekte werden betont, Nebenwirkungen heruntergespielt [34].

Unabhängige Cochrane-Reviews oder große Meta-Analysen fehlen für viele Peptidpräparate. Wo sie existieren, fallen die Schlussfolgerungen oft nüchterner aus als die Marketingversprechen. Das heißt nicht, dass Peptide unwirksam sind – aber die Erwartungen sollten realistisch bleiben.

  • Kollagenpeptide können die Hautelastizität moderat verbessern, ersetzen aber keine gute Hautpflege und keinen Sonnenschutz.
  • Zu den meisten anderen Peptid-Supplementen fehlen groß angelegte, unabhängige Studien.
  • Bioaktive Peptide aus der Nahrung haben in Laborversuchen interessante Eigenschaften, ihre Wirkung im menschlichen Körper ist jedoch oft gering oder nicht nachgewiesen.
  • Kosmetische Peptide erreichen tiefere Hautschichten nur begrenzt und wirken meist schwächer als beworben.
  • Medizinische Peptide wie Insulin oder GLP-1-Analoga sind gut erforscht und nachweislich wirksam.

Sicherheit und mögliche Nebenwirkungen

Peptide aus Nahrungsergänzungsmitteln gelten bei bestimmungsgemäßer Anwendung im Allgemeinen als sicher. Kollagenpräparate werden meist gut vertragen. Gelegentlich treten Magen-Darm-Beschwerden wie Völlegefühl oder leichte Übelkeit auf. Bei Menschen mit Allergien gegen die Rohstoffe – etwa Fisch oder Rind – können allergische Reaktionen auftreten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stuft Kollagenpeptide bei üblicher Dosierung als unbedenklich ein [35].

Anders verhält es sich bei experimentellen Peptiden wie BPC-157 oder Wachstumshormonen. Hier fehlen systematische Sicherheitsdaten. Theoretisch könnten wachstumsfördernde Peptide das Tumorwachstum begünstigen, hormonähnliche Substanzen den Hormonhaushalt stören. Wer solche Produkte ohne ärztliche Aufsicht einnimmt, geht ein unkalkulierbares Risiko ein.

Bei kosmetischen Peptiden sind Nebenwirkungen selten, da die aufgenommenen Mengen gering sind. Hautreizungen oder allergische Reaktionen sind möglich, aber nicht häufig. Die größte Gefahr ist finanzieller Natur: hohe Ausgaben für Produkte, deren beworbene Wirkung nicht eintritt.

Zukunftsperspektiven

Die Peptidforschung entwickelt sich rasant weiter. Neue Technologien wie das Phagen-Display ermöglichen die schnelle Identifizierung von Peptiden mit gewünschten Eigenschaften. Die Synthese wird billiger und effizienter. Gleichzeitig arbeiten Forscher an Methoden, die orale Bioverfügbarkeit von Peptiden zu verbessern – ein Durchbruch hier könnte viele Injektionstherapien durch Tabletten ersetzen [36].

In der personalisierten Medizin könnten Peptid-Biomarker eine wichtige Rolle spielen. Das Peptidprofil im Blut gibt Aufschluss über Stoffwechselprozesse und Krankheiten. Peptid-basierte Diagnostik wird bereits bei bestimmten Krebsarten eingesetzt und könnte sich auf weitere Anwendungsgebiete ausweiten.

Ob die Zukunft auch mehr wirksame Peptid-Nahrungsergänzungsmittel bringt, bleibt abzuwarten. Die Hürden – Bioverfügbarkeit, Stabilität, Kosten – sind erheblich. Solange diese nicht überwunden sind, bleiben viele Versprechen der Supplement-Industrie das, was sie heute sind: mehr Marketing als Wissenschaft.

📚 Quellen (36 Quellen)

Quellen

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