Folsäure (Vitamin B9)

Folsäure ist von wesentlicher Bedeutung für grundlegende biochemische Abläufe in jeder einzelnen Zelle und ist vor allen Dingen in der Schwangerschaft von größter Wichtigkeit für eine gesunde Entwicklung des Babys. Doch wofür genau braucht unser Körper sie eigentlich? Wo ist sie enthalten und welche Personen könnten von einer Supplementierung profitieren? Verbergen sich hier irgendwelche sogar Risiken? Diese und weitere Fragen sollen in diesem Ratgeber umfassend beantwortet werden.

Folsäure (Vitamin B9)

Was ist eigentlich Folsäure?

Folsäure (auch Folat) gehört zu der Gruppe der wasserlöslichen B-Vitamine und wird auch als Vitamin B9 bezeichnet. Der Name leitet sich von dem lateinischen Begriff für Blatt (folium) ab, da Folsäure erstmals aus Spinatblättern isoliert werden konnte. Dies gelang im Jahr 1941, nachdem bereits 10 Jahre zuvor entdeckt worden ist, dass eine noch unbekannte Substanz in Spinat oder Hefe antianämisch wirkt, also einer Blutarmut entgegenwirkt. Heute ist bekannt, dass in der Natur unterschiedliche Verbindungen mit der Wirksamkeit von Folsäure vorkommen, die unter dem Oberbegriff Folate zusammengefasst werden. Sie kommen in fast allen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vor und fallen aufgrund ihrer Wirkung alle unter die begriffliche Bezeichnung Vitamin B9. Folsäure als einzelne Verbindung innerhalb der Gruppe der Folate kommt in exakt dieser Form in der Natur nicht vor, wird aber aufgrund seiner Stabilität und exzellenten Resorbierbarkeit für die Supplementierung verwendet. Der menschliche Organismus ist nicht in der Lage, Folate selbst herzustellen und ist auf eine Zufuhr über die Nahrung angewiesen. Kleinere Reserven können in der Leber gespeichert werden. Sie reichen bei einem völligen Zufuhrstopp für schätzungsweise 3 Monate. Anschließend stellen sich Mangelsymptome ein.

Wofür benötigt der Körper Folsäure?

Folsäure und andere Folate werden im Körper in die aktive Form von Vitamin B9 (Tetrahydrofolsäure; THF) umgewandelt. Sie erfüllt eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen, die vor allen Dingen auf ihre Aktivität als Coenzym zurückzuführen sind. Ein Coenzym wird als Katalysator für bestimmte biochemische Prozesse benötigt, die ohne es nicht stattfinden könnten. Folsäure leistet damit einen entscheidenden Beitrag zu zahlreichen grundlegenden Stoffwechselprozessen in allen menschlichen Zellen. Einige dieser Funktionen sollen im Folgenden detailliert vorgestellt werden.

Zellteilung und Wachstum

THF ist ein zwingend notwendiges Coenzym bei der Synthese von DNA. Das Erbgut einer Zelle muss immer dann synthetisiert werden, wenn neue Zellen gebildet werden. Der menschliche Organismus besteht aus etwa 75 Billionen Zellen, von denen die meisten regelmäßig erneuert und ausgetauscht werden. Schätzungen zufolge werden in unserem Körper pro Sekunde zwischen 10 und 50 Millionen neue Zellen gebildet und abgebaut. Dieser stetige Prozess sichert unter anderem die lange Lebensdauer und Funktionalität von Organen. So werden zum Beispiel im Knochenmark fortlaufend neue Blutzellen gebildet. Blutplättchen, die für den Wundverschluss zuständig sind, haben eine Lebensdauer von 8-12 Tagen, rote Blutkörperchen, die den Sauerstoff aus den Lungen in alle Zellen transportieren, leben nur etwa 120 Tage. Nur durch eine stetige Neubildung kann der Bedarf dieser Zellen dauerhaft gedeckt und das System somit aufrechterhalten werden. Selbst das Skelett erneuert sich innerhalb von etwa 10 Jahren vollständig und auch die Leber erneuert sich innerhalb von 2 Jahren komplett und kann kleinere Schäden dadurch kompensieren. Zu den wenigen Zellen, die sich im Laufe des Lebens nicht erneuern, gehören die Nervenzellen. Aus diesem Grunde führen Schädigungen der Nervenzellen (z. B. durch eine Hirnhautentzündung) meist zu lebenslangen Folgen, während sich eine Raucherlunge bereits nach wenigen Monaten schon deutlich erholt hat. Insgesamt ist die Zellteilung, die ohne Vitamin B9 nicht ablaufen könnte, von essentieller Bedeutung für die Langlebigkeit und Fitness des gesamten Organismus. Die durch THF ermöglichte Synthese neuer DNA-Möleküle ist ein wesentlicher Faktor für diesen Prozess.

Diese Funktion wird dann besonders wichtig, wenn sich die Zellteilungsrate deutlich erhöht. Dies ist insbesondere während einer Schwangerschaft der Fall. In dieser Zeit werden nicht nur Billionen von Zellen des Babys gebildet, auch bei der Mutter ist durch die Ausbildung der Plazenta und der Steigerung des Blutvolumens (ca. 1,5 Liter zusätzlich) die Zellteilungsrate deutlich erhöht. Aus diesem Grunde ist Folsäure eines der wichtigsten Vitamine in der Schwangerschaft und von essentieller Bedeutung für eine gesunde Entwicklung des Babys.

Abbau von Homocystein

Homocystein ist eine Aminosäure, die als natürliches Stoffwechselprodukt im menschlichen Körper anfällt. Sie entsteht bei dem Abbau der essentiellen Aminosäure Methionin und zirkuliert durch das Blut. Bei einem gesunden Erwachsenen liegt der Normwert bei unter 10µmol/l. Von dort aus gelangt Homocystein zu den Zellen, die es zum Teil für die Proteinbiosynthese verwenden. Wenn allerdings der Homocystein-Spiegel im Blut zu hoch ansteigt (über 15 µmol/l), hat dies negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Mediziner sprechen in einem solchen Fall von einer Hyperhomocysteinämie. Sie stellt ein erhöhtes Risiko für vaskuläre Erkrankungen und deren Folgen dar [1]. Hierzu gehören unter anderem Bluthochdruck, Thrombose, Makuladegeneration, vaskuläre Demenz, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Das besondere Problem dieser Folgen ist, dass sie häufig irreparabel sind und sich nicht rückgängig machen lassen. Aus diesem Grunde ist es von großer Wichtigkeit für den Körper, den Homocstein-Spiegel zu kontrollieren. Eine Möglichkeit ist Rückwandlung von Homocystein in Methionin. Diese Reaktion kann über zwei unterschiedliche Wege ablaufen. Einer benötigt Folsäure, der andere Vitamin B12. Eine weitere Möglichkeit ist der Abbau von Homocystein zu Cystein, das dann über die Nieren ausgeschieden werden kann. Für diese Reaktion wird Vitamin B6 benötigt.

Alle drei Vitamine müssen somit in ausreichender Menge vorhanden sein, um den Homocystein-Spiegel im Zaum zu halten und so potentiell gesundheitsschädliche Folgen abzuwenden. In der Praxis werden Patienten mit erhöhtem Homocystein-Spiegel, der unterschiedliche Ursachen haben kann, mit einem Kombipräparat der drei B-Vitamine behandelt. Im natürlichen Prozess kann bereits eines dieser Vitamine einen limitierenden Faktor für die Regulation darstellen, wenn es nicht ausreichend vorhanden ist. So ist ein erhöhter Homocystein-Spiegel festzustellen, wenn eine Unterversorgung mit nur einem der drei Vitamine vorliegt. 

Herstellung unterschiedlicher Substanzen

Folsäure ist unerlässlich für zahlreiche Stoffwechselreaktionen, die von THF katalysiert werden und für die Herstellung unterschiedlicher Substanzen verantwortlich sind. Bei einer Unterversorgung mit dem Vitamin ist eine ausreichende Herstellung nicht mehr gegeben. Nur eine kleine Auswahl dieser Substanzen soll an dieser Stelle kurz vorgestellt werden:

Hämoglobin: Der rote Blutfarbstoff findet sich in großer Konzentration in den roten Blutkörperchen und ist zuständig für die Bindung von Sauerstoff, der dadurch über den Blutkreislauf durch den gesamten Körper transportiert werden kann.

Glutamat: Der wichtigste erregende Neurotransmitter wirkt im Nervensystem stimulierend und aktivierend. Zusätzlich wirkt sich Glutamat positiv auf den Muskelaufbau und das Immunsystem aus.

GABA (Gamma-Aminobuttersäure): Der wichtigste hemmende Neurotransmitter im Nervensystem wirkt dämpfend und reguliert Aktivität herunter. GABA ist von wesentlicher Bedeutung, um die durch Glutamat vermittelte Aktivität zu kontrollieren. Beide Neurotransmitter wirken in einem feinen Wechselspiel.

Phospholipide: Die grundlegenden Bausteine für Zellmembranen werden immer dann benötigt, wenn neue Zellen gebildet werden, werden aber auch in bestehenden Zellen regelmäßig erneuert. Sie sind von essentieller Bedeutung für die Membraneigenschaften einer Zelle und sichern somit deren Vitalität.

Melatonin: Das in der Zirbeldrüse hergestellte Hormon reguliert den Tag-Nacht-Rhythmus und ist von wesentlicher Bedeutung für einen gesunden Schlaf.

Was passiert bei einem Folsäuremangel?

Da Folsäure in moderaten Mengen im Körper gespeichert werden kann, machen sich Mangelerscheinungen erst nach wenigen Wochen oder gar Monaten bemerkbar. Erst nachdem die internen Speicher gelehrt sind, sinkt der Blutspiegel langsam ab, sodass es zu ersten Mangelerscheinungen kommt. Diese zeigen sich zunächst im Blutbild. Bei einer Unterversorgung mit Folsäure ist die Zellteilungsrate im Knochenmark eingeschränkt, weswegen weniger Blutzellen neugebildet werden. Schreitet die Unterversorgung weiter voran, kann es zu einer Anämie, also zu einem Mangel an roten Blutkörperchen kommen. In der Folge erhalten die Organe und Zellen zu wenig Sauerstoff. Das merken wir je nach Ausprägung an Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Leistungsschwäche, Kurzatmigkeit und Herzrasen.

Auch an den Schleimhäuten (z. B. in der Mundhöhle), die ebenfalls einer hohen Zellteilungsrate unterliegen, macht sich eine Unterversorgung mit Folsäure deutlich bemerkbar. Sie werden trocken, rissig, reizbar und anfällig für Infektionen durch Pilze oder Bakterien. So stellen auch Irritationen der Schleimhäute ein Symptom für einen Folsäuremangel dar. Zuletzt zeigt sich bei einer Unterversorgung mit Folsäure ein erhöhter Homocystein-Spiegel. Dadurch steigert sich das Risiko für vaskuläre Erkrankungen und deren Folgen, die mit einem Ausgleich der Folsäure unter Umständen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Greif- und vor allen Dingen spürbare Symptome löst ein erhöhter Homocystein-Spiegel zunächst nicht aus.

Insgesamt treten Mangelerscheinungen von Folsäure auf, wenn der Bedarf nicht gedeckt wird. Eine solche Unterversorgung kann auf drei unterschiedlichen Ursachen beruhen:

  1. Eine grundsätzlich mangelhafte Aufnahme über die Nahrung
  2. Ein gesteigerter Bedarf ohne Anpassung der Ernährung
  3. Eine Beeinflussung der Aufnahme oder Verwertung durch Erkrankungen oder Medikamente

Folsäuremangel in der Schwangerschaft

Insbesondere aufgrund der hohen notwendigen Zellteilungsrate ist der Bedarf an Folsäure in der Schwangerschaft deutlich erhöht, sodass diese Situation gesondert betrachtet werden sollte. Wenn sich während dieses Prozesses eine Unterversorgung einstellt, kann es zu massiven Folgen kommen. Während der Embryonalentwicklung kann ein Mangel an Vitamin B9 zu schweren Fehlbildungen führen. Insbesondere der Neuralrohrdefekt wird an dieser Stelle immer wieder genannt. Das Neuralrohr ist die Vorstufe des zentralen Nervensystems und entwickelt sich bereits in den ersten Wochen der Schwangerschaft. Aus ihm gehen das Rückenmark und das Gehirn hervor. Ein Neuralrohrdefekt kann unterschiedlich ausgeprägt sein, führt aber immer zu Fehlbildungen des zentralen Nervensystems. Bei schweren Fehlbildungen ist der Embryo nicht lebensfähig. In Mitteleuropa wird etwa bei einem von 1000 geborenen Kindern eine Spina bifida (umgspr.: offener Rücken) diagnostiziert. Sie ist nur eine Form des Neuralrohrdefekts, der je nach Schweregrad die Kinder wenig bis sehr stark körperlich beeinträchtigt, während die kognitive Entwicklung in der Regel normal ist. Studien zufolge kann eine zusätzliche Einnahme von Folsäure bereits vor der Schwangerschaft das Risiko für einen Neuralrohrdefekt verringern.

Neben dem Risiko für Fehlbildungen gibt es außerdem Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einem Folsäuremangel und einem erhöhten Risiko für eine verfrühte Geburt. Auch ein niedriges Geburtsgewicht und fetale Wachstumsverzögerungen sind mit einer Unterversorgung von Folsäure verbunden. Zuletzt wirkt sich auch der durch einen Mangel an Folsäure erhöhte Homocystein-Spiegel auf die Schwangerschaft aus. So erhöht sich das Risiko für Komplikationen (z. B. Plazentaabbruch und Präeklampsie), die wiederum das Risiko eines schlechten Schwangerschaftsverlaufs sowie eines geringeren Geburtsgewichts und einer kürzeren Schwangerschaftsdauer erhöhen. [2]

Wie kann Folsäure aufgenommen werden?

In der Nahrung finden sich Folate innerhalb komplexer Verbindungen, die zunächst enzymatisch aufgespalten werden müssen. Erst dann können sie von den Zellen der Darmschleimhaut aktiv aufgenommen werden. Die Aufnahmerate hängt somit nicht nur von der Funktionalität der Verdauungsprozesse ab, sondern wird auch dadurch bedingt, in welcher Verbindung die aufgenommenen Folate vorliegen. Nach der Aufnahme gelangen sie in den Blutkreislauf und werden überall dorthin transportiert, wo sie im Körper benötigt werden. Grundsätzlich befinden sich Folate schließlich in allen Geweben, wobei besonders dort die Konzentration ist, wo eine hohe Zellteilungsrate vorliegt (z. B. im Knochenmark). In der Leber können außerdem geringe Mengen des Vitamins gespeichert werden, um den Folat-Spiegel im Blutserum stabil halten zu können. Der Gesamtgehalt an Folaten im Körper liegt bei schätzungsweise 5-10 mg.

Folsäure in natürlichen Lebensmitteln

Natürliche Folate kommen in unterschiedlichen Formen vor und sind in der Natur so weit verbreitet, dass sie in den meisten Lebensmitteln zu finden sind. Insbesondere in Blattgemüse und Hülsenfrüchten ist der Anteil jedoch besonders hoch. Fleisch enthält zwar deutlich weniger Folate, doch liegen sie hier in einer Form vor, in der sie durch unsere Verdauungsprozesse besser isoliert und verwertet werden können. Die genaue Resorptionsrate der unterschiedlichen Folate kann allerdings nur geschätzt werden.

Besonders gute Quellen für natürliche Folate sind:

  • Hülsenfrüchte (z. B. Kichererbsen, Bohnen, Linsen)
  • Blattgemüse (z. B. Spinat, Grünkohl, Rosenkohl, Feldsalat)
  • Leber
  • Säfte und Limonaden

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist eine unabhängige wissenschaftliche Fachgesellschaft, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, die Bevölkerung fundiert zum Thema Ernährung aufzuklären. Hierzu gibt sie unter anderem Empfehlungen für die Aufnahmemenge bestimmter Nährstoffe ab. Für die Versorgung mit Vitamin B9 werden alle „folatwirksamen“ Verbindungen als eine Gruppe zusammengefasst, deren Bedarf in der Einheit „Folat-Äquivalent“ angegeben wird. Dabei entspricht 1 µg „Folat-Äquivalent“ einer Menge von 0,5 µg Folsäure. Diese Aufschlüsselung kommt daher, dass synthetische Folsäure zu annähernd 100 Prozent aufgenommen wird, die meisten natürlichen Folate aus der Nahrung aber in deutlich geringerem Ausmaß. Insgesamt rät die DGE Erwachsenen zu einer täglichen Aufnahme von etwa 300 µg Folat-Äquvalent. Bei Schwangeren und Stillenden steigt die empfohlene Tagesmenge auf 550 bzw. 450 µg. [3]

Versorgungslage

Im Rahmen der letzten großen Nationalen Verzehrsstudie II, in der Daten aus den Jahren 2005-2007 erhoben wurden, stellte sich heraus, dass die Menschen in Deutschland den Großteil ihrer aufgenommenen Folate aus alkoholfreien Getränken beziehen und erst danach aus Gemüse. Insgesamt lagen die Mengen der aufgenommenen Folsäure im Durchschnitt in allen Altersgruppen bei Männern und Frauen unter dem Referenzwert. So erreichten 79% der Männer und 86% der Frauen die empfohlene tägliche Zufuhr von Folat-Äquivalenten nicht, wobei mit zunehmendem Alter die Versorgungslage nochmal etwas schlechter wurde. [4]

Neben der Einschätzung der Folat-Versorgung über Verzehrerhebungen können Messungen des Serum- und Erythrozytenfolats Aufschluss darüber geben, wie gut die Bevölkerung im Durchschnitt tatsächlich mit Folaten versorgt ist. Sie bieten im Gegensatz zu den eher geschätzten Zahlen konkrete Werte, die weniger Fragen offenlassen. Aus diesem Grunde wurde durch das Robert Koch-Istitut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Jahr 2016 die Folatversorgung erneut untersucht, diesmal allerdings mit Blick auf die Blutwerte der Menschen. Insgesamt wurden die Serumfolatwerte von über 7.000 Personen zwischen 18 und 79 Jahren ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass der Medianwert mit 7,6 ng/ml deutlich über dem Referenzwert von >4,4 ng/ml lag. Ausreichende Serumfolatkonzentrationen, also oberhalb oder gleich des Referenzwertes erreichen demnach etwa 86 % aller Erwachsenen. Einen Serumfolatwert von unter 3 ng/ml, der auf einen gesundheitlich relevanten Mangel hinweist, hatten insgesamt nur 3,3 % der untersuchten Erwachsenen. Diese Zahlen beziehen sich allerdings nur auf die allgemeine Bevölkerung. 

Da der Bedarf an Folsäure und damit auch der Referenzwert in einer Schwangerschaft deutlich erhöht ist, wurden somit Frauen in gebärfähigem Alter noch einmal gesondert betrachtet. Dabei zeigte sich, dass die Versorgung bei etwa 95 % der untersuchten Frauen nicht adäquat war. Um das Risiko von Neuralrohrdefekten zu senken, wird auch in dieser Studie dringend dazu geraten, dass Frauen mit Kinderwunsch neben einer folatreichen Ernährung mindestens 4 Wochen vor Beginn der Schwangerschaft ihre Folsäurespeicher mithilfe von Supplements auffüllen und die Versorgung mindestens über das erste Trimester hoch halten. [5]

Die unterschiedlichen Ergebnisse aus der Verzehrsstudie und der Serumuntersuchung können auch dadurch zustande kommen, dass im zweiten Fall verwendete Supplements in die Ergebnisse mit einfließen, im ersten allerdings nicht. Zusammenfassend lässt sich daraus ableiten, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung zwar über die natürliche Ernährung scheinbar zu geringe Mengen an Folaten aufnimmt, dieses Defizit im Allgemeinen aber gut durch die zusätzliche Aufnahme von Supplements oder mit Folsäure angereicherten Nahrungsmitteln ergänzt.

Folsäure in Supplements

Folsäure ist das entscheidende synthetische Folat, das als Supplement verwendet wird, um die Versorgung mit Vitamin B9 sicherzustellen. Es ist chemisch besonders stabil und kann annähernd vollständig von der Darmschleimhaut aufgenommen werden. Dadurch kann Folsäure besonders effizient eingesetzt werden. Sie wird in großen Mengen chemisch hergestellt und sowohl zur Anreicherung in Lebensmitteln (z. B. Salz, Mehl oder Frühstückscerealien) als auch für die Herstellung von Medikamenten und Supplements verwendet. Folsäure findet sich in zahlreichen Kombi-Präparaten (auch als Teil des „Vitamin B-Komplex“), wird aber auch einzeln zur gezielten Supplementierung angeboten. Gängige Formen sind Kapseln, Brausetabletten oder Pulver, die Tagesdosierungen von bis zu 800 µg Folsäure vorsehen. 

Wer könnte von Folsäure Supplements profitieren?

Basierend auf den oben ausgeführten Erhebungen stellt die Verbraucherzentrale zusammenfassend fest, dass zwar ein Großteil der deutschen Bevölkerung weniger Folsäure aufnimmt, als empfohlen wird, ein tatsächlicher flächendeckender Mangel bisher allerdings nicht nachgewiesen werden konnte. Hierbei wird allerdings die Tatsache außer Acht gelassen, dass Menschen eigenverantwortlich von sich aus mit Folsäure angereichte Lebensmittel oder Supplements verwenden und deshalb bei Blutuntersuchungen weniger Mängel festgestellt werden. Von daher ist es durchaus ratsam, die individuelle Versorgung genauer zu betrachten und kritisch zu hinterfragen.

Natürlich steht in erster Linie die Ernährung im Vordergrund. Bei Menschen, die z. B. sehr wenig Gemüse zu sich nehmen, ist die Gefahr einer Unterversorgung groß, jedoch können auch Unterversorgungen auftreten, die unabhängig von der Ernährung sind. Vor allen Dingen folgende Personengruppen könnten daher von einer Supplementierung mit Folsäure profitieren. Eine längerfristige Einnahme, insbesondere von hochdosierter Folsäure, solle allerdings nicht auf eigene Faust, sondern in Absprache mit dem Hausarzt erfolgen.

Schwangere und Stillende

Das BfR rät allen Frauen, die aufgrund eines Kinderwunsches nicht mehr verhüten, eindringlich dazu, Folsäure zu supplementieren, um das Risiko eines Neuralrohrdefekts beim Kind zu reduzieren. Die empfohlene Menge liegt bei 400 µg Folsäure pro Tag. Bei dieser Menge wird das Risiko eines Neuralrohrdefektes beim Neugeboren signifikant reduziert. Die Einnahme sollte spätestens vier Wochen vor der tatsächlichen Schwangerschaft beginnen, damit zum Zeitpunkt der Befruchtung die Folsäure-Speicher gefüllt sind. Insbesondere während des ersten Trimesters, in dem die Zellteilungsrate des Embryos besonders hoch ist, ist der Bedarf an Folsäure deutlich über dem sonstigen Niveau, weswegen die Einnahme mindestens bis zur 12. Schwangerschaftswoche fortgesetzt werden sollte. Für den weiteren Schwangerschaftsverlauf und die Stillzeit gibt es eine Empfehlung zur Supplementierung, die allerdings weit weniger deutlich ausfällt. Hier wird Frauen vor allen Dingen zu einer bewussten und folsäurereichen Ernährung geraten, die reich an Gemüse und Vollkornprodukten ist. [6]

Menschen mit einem hohen Homocysteinspiegel

Wie bereits weiter oben erläutert, handelt es sich bei Homocystein um eine Aminosäure, die in großen Mengen das Risiko für vaskuläre Erkrankungen erhöht. Auch wenn der Homocystein-Spiegel bei einem gesunden Menschen mit einer ausgewogenen Ernährung in der Regel unter dem kritischen Grenzwert bleibt, können unterschiedliche Faktoren dazu führen, dass er sich unbemerkt erhöht. Die Folgen werden oftmals erst nach Jahren ersichtlich, wenn es zu Erkrankungen und Schädigungen gekommen ist, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Zu den Risikofaktoren für einen erhöhten Homocystein-Spiegel gehören unter anderem:

  • eine vegane Ernährung (durch eine Unterversorgung mit Vitamin B12)
  • steigendes Alter
  • Alkoholismus

Wird ein erhöhter Homocystein-Spiegel durch einen Arzt festgestellt, liegt die gängige Therapie in einer kombinierten Verabreichung von B12, Vitamin B6 und Folsäure. Folsäure und Vitamin B12 katalysieren auf unterschiedlichen Wegen die Umwandlung von Homocystein in Methionin. Es ist für den Körper nicht nur unbedenklich, sondern kann für die Proteinbiosynthese verwendet werden. Vitamin B6 bewirkt einen Abbau zu Cystein, das über die Nieren ausgeschieden werden kann.

Zusätzlich zu einem tatsächlich gefährlich erhöhtem Homocystein-Spiegel, der durch einen Arzt diagnostiziert und entsprechend behandelt wird, kann eine Supplementierung mit Folsäure eine Erhöhung von vornherein verhindern und das Homocystein im Zaum halten. In einem solchen Fall sollte allerdings immer zusätzlich Vitamin B12 eingenommen werden, um einen möglichen B12-Mangel nicht zu maskieren und Folgeschäden zu riskieren (siehe unten). Durch eine vorsorgliche Senkung des Homocystein-Spiegels ist es möglich, das Risiko für vaskuläre Erkrankungen zu reduzieren. Das ist insbesondere interessant für Personen, die aufgrund anderer Faktoren (z. B. Übergewicht, Bewegungsmangel oder Rauchen) bereits ein erhöhtes Risiko für derartige Krankheiten besitzen.

Menschen mit bestimmter Erkrankung oder Medikation

Unterschiedliche Erkrankungen oder auch die Einnahme bestimmter Medikamente können dazu führen, dass auch bei einer ausreichenden Aufnahme von Folaten über die Nahrung nicht genügend Vitamin B9 im Körper zur Verfügung steht. So entsteht eine Unterversorgung, die oftmals erst spät erkannt wird, weil das Ernährungsverhalten nicht darauf schließen lässt, dass ein Mangel vorliegen könnte.

Für die Aufnahme von Folaten ist eine gut funktionierende Verdauung von essentieller Bedeutung. Diese ist bei Patienten mit chronischen Entzündungen im Magen-Darm-Trakt (z. B. Gastritis, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa) auf verschiedenste Weise gestört. Entzündungsprozesse in den unterschiedlichen Bereichen der Verdauungsorgane können wichtige Verdauungsschritte stören und so eine Malabsorption herbeiführen. In der Folge können nicht ausreichend Folate über die Darmschleimhaut aufgenommen werden und in die Blutbahn gelangen. Sie werden ungenutzt wieder ausgeschieden. Auch Erkrankungen der Leber können dazu führen, dass die aufgenommenen Folate nicht angemessen genutzt werden können. So haben alkoholkranke Menschen sehr häufig Defizite bei den wasserlöslichen B-Vitaminen und Vitamin C.

Einen Sonderfall stellt eine Epilepsie dar. Diese Erkrankung des Gehirns, bei der es zu plötzlichen Krampfanfällen kommen kann, wird durch spezifische Medikamente, sogenannte Antikonvulsiva behandelt. Diese Medikamente stehen in einer Wechselwirkung mit Folsäure und können dazu führen, dass eine Unterversorgung entsteht, obwohl ausreichende Mengen des Vitamins aufgenommen wurden. Anderseits reduziert Folsäure allerdings auch die Blutspiegel der Antikonvulsiva und behindern somit dessen Wirkung. Epileptiker sollten daher eine Supplementierung von Folsäure, die für sie wichtig sein könnte, nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt durchführen.

Interessanterweise führt auch die Einnahme von oralen Kontrazeptiva zur Empfängnisverhütung zu einer gehemmten Aufnahme von Folsäure über die Schleimhäute des Dünndarms. Somit sollten nicht nur Frauen mit Kinderwunsch eine Supplementierung in Betracht ziehen, sondern auch solche, die eine Schwangerschaft gezielt durch die Einnahme der Anti-Baby-Pille verhindern möchten.

Höchstmengen und gesundheitliche Risiken

Obwohl es sich bei Folsäure um eines der wasserlöslichen B-Vitamine handelt, die grundsätzlich nur schwer überdosiert werden können, weil ein Überschuss rasch ausgeschieden wird, ist eine Supplementierung über den eigentlichen Bedarf hinaus nicht unproblematisch. Insbesondere durch die positive Wirkung von Vitamin B9 auf die Zellteilung stand lange Zeit die Frage im Raum, ob ein Überschuss das Wachstum von Krebszellen begünstigt. Aus diesem Grunde wurden zahlreiche Studien zu einem möglichen Zusammenhang durchgeführt, die allerdings zu teilweise widersprüchlichen Ergebnissen kamen. Zwar scheint es, dass auch bei hohen Aufnahmemenge von bis zu 2 mg Folsäure pro Tag der mögliche Einfluss auf z. B. Darmkrebs nicht eindeutig ist, dennoch haben Experten berechtigte Sorge über mögliche Zusammenhänge, die bis heute nicht restlos ausgeräumt werden konnten. Weitere Untersuchungen in diese Richtung sind dringend erforderlich, um offene Fragen zu klären.

Neben einem eventuell erhöhten Krebsrisiko, das bei sehr hohen Tagesdosen bestehen könnte, ist auch ein anderes Problem in der Praxis möglich: Die Maskierung eines Vitamin B12-Mangels. Eine Unterversorgung mit dem lebenswichtigen Vitamin B12 führt langfristig zu ernst zu nehmenden gesundheitlichen Problemen. Zunächst zeigt sich eine Anämie, später kommt es zu teilweise irreparablen Schädigungen des zentralen Nervensystems. Eine durch einen Vitamin B12-Mangel verursachte Anämie kann allerdings durch einen stark erhöhten Folat-Spiegel kompensiert werden, sodass dieses Symptom nicht auftritt und es unvermittelt zu neurologischen Schäden durch den Vitaminmangel kommen könnte. Insbesondere ältere Menschen könnten von einer derartigen Wechselwirkung betroffen sein, deren frühe Anzeichen möglicherweise dann mit den normalen Erscheinungen des Alters verwechselt werden.

Bereits im Jahr 2000 hat der frühere Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU-Kommission (Scientific Committee on Food; SCF) für Folsäure eine gesundheitlich unbedenkliche Höchstmenge von 1 mg (1000 µg) pro Tag für erwachsene Personen festgelegt. Unter diesem Wert seien obige Komplikationen nicht zu erwarten. Im Jahr 2004 hat die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zusätzlich zur Folsäure auch Calcium-L-Methylfolat als weitere sichere Folatquelle für Supplements anerkannt und festgestellt, dass auch für diese Verbindung die genannte Höchstmenge von 1 mg pro Tag für Erwachsene als unbedenklich gilt.

Um diesen aufgestellten Höchstwert nicht durch zusätzliche Supplements oder mit Folsäure angereicherte Lebensmittel zu überschreiten, hat das BfR eine Höchstmenge von 200 µg Folsäure festgelegt, die ein Erwachsener pro Tag über Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen sollte. Ungeachtet dieses Höchstwertes empfiehlt das BfR im selben Atemzug schwangeren Frauen bzw. Frauen mit Kinderwunsch eine Supplementierung von 400 µg Folsäure pro Tag, um die Risiken eines Neuralrohrdefektes zu reduzieren. In diesem Sonderfall müsse der deutlich erhöhte Bedarf für den Körper berücksichtigt werden. [7]

Jenseits dieser erarbeiteten Höchstmengen gilt es bei der Einnahme von Folsäure kritische Wechselwirkungen zu berücksichtigen, die auch bei Unterschreitung dieser Dosierung auftreten können. Wie bereits beschrieben besteht eine kritische Wechselwirkung zwischen Folsäure und antikonvulsiven Medikamenten zur Therapie einer Epilepsie (z. B.  Phenytoin, Phenobarbital oder Primidon). Ein hoher Folsäure-Spiegel kann den Blutspiegel der Medikamente senken und dadurch deren Wirkung beeinträchtigen, wodurch es eher zu Krampfanfällen kommt. Auch einige Medikamente, die im Rahmen einer Chemotherapie zum Einsatz kommen, können durch große Mengen Folsäure gehemmt werden. So werden unter anderem Folsäureantagonisten (z. B. Trimethoprim, Proguanil oder Methotrexat) gezielt verabreicht, um das Wachstum von Tumoren zu unterdrücken. Bei der Einnahme derartiger Medikamente sollte die Einnahme von zusätzlicher Folsäure in jedem Fall mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden. [8] 

Fazit

Folsäure und andere Folate werden unter dem Sammelbegriff Vitamin B9 zusammengefasst und sind von wesentlicher Bedeutung für zahlreiche grundlegende biochemische Reaktionen im Körper. Insbesondere für die Zellteilung ist Folsäure essentiell, weswegen sie das wichtigste Vitamin in der Schwangerschaft ist. Eine Unterversorgung kann zu schweren Entwicklungsstörungen beim Embryo führen, weswegen alle Frauen mit Kinderwunsch bereits vor einer bestehenden Schwangerschaft Folsäure-Supplements einnehmen sollten. Aber auch jenseits einer Schwangerschaft erfüllt Folsäure wichtige Aufgaben bei der Bildung des Blutes, weswegen sich ein Mangel in einer Anämie zeigt, die von Schwäche, Schwindel und Konzentrationsstörungen begleitet wird.

Folsäure kommt in vielen Lebensmitteln vor und findet sich zu besonders großen Mengen in Hülsenfrüchten und Blattgemüse. Die Versorgungslage allein über natürliche Lebensmitte scheint kritisch zu sein, wohingegen ein tatsächlicher Folsäure-Mangel eher selten diagnostiziert wird. Dennoch sollte jeder seine individuelle Aufnahme kritisch hinterfragen. Dabei sollte auch beachtet werden, dass unterschiedliche Erkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente dazu führen kann, dass eine ernährungsunabhängige Unterversorgung mit Folsäure entsteht.

Die Verwendung von Supplements ist grundsätzlich unbedenklich, solange die Höchstmenge von 200 µg pro Tag nicht überschritten wird. Eine höhere Dosierung, insbesondere wenn sie langfristig vorgenommen wird, sollten in jedem Fall mit dem Hausarzt besprochen werden.

Quellen

[1] Fowler (2005) Homocystein – ein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre und thrombotische Erkrankungen, Therapeutische Umschau VOL. 62, NO. 9.

[2] Scholl & Johnson (2000) Folic acid: influence on the outcome of pregnancy, he American Journal of Clinical Nutrition, Volume 71, Issue 5, May 2000, Pages 1295S–1303S

[3] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Folat – Empfohlene Zufuhr

[4] Max Rubner-Institut & Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (2008) Nationale Verzehrsstudie II – Ergebnisbericht 

[5] Mensink et al. (2016) Folatversorgung in Deutschland, Journal of Health Monitoring · 2016 1(2)

[6] Bundesinstitut für Risikobewertung (2022) Schwanger werden? – Aber nicht ohne Folsäure!

[7] Bundesinsitut für Risikobewertung (BfR) (2021): Höchstmengenvorschläge für Folsäure in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmittel

[8] Gelbe Liste – Pharmindex: Folsäure

Annika Mix
Dr. rer. nat. Annika Mix
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