Spermidin

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Spermidin

Die biogene Substanz Spermidin wird seit einigen Jahren gehypt. Nicht nur von Herstellern entsprechender Nahrungsergänzungsmittel und von Verbrauchern, sondern auch von der Wissenschaft. Vor allem Altersforscher haben sich der Untersuchung dieses Moleküls verschrieben. Es ist – außer in unseren Körpern – in zahlreichen Lebensmitteln zu finden und in Sachen Gesundheit und Langlebigkeit durchaus vielversprechend. Doch was genau gibt der Stand der Forschung her?

Was ist Spermidin?

Spermidin ist eines von verschiedenen biogenen Polyaminen, die als Zwischenprodukt bei der Bildung von Spermin entstehen, und fungiert in Zellen als Botenstoff. Entdeckt wurde diese organische Verbindung, die aus Kohlenstoff, Stickstoff und Wasserstoff besteht, in männlicher Samenflüssigkeit (Sperma), in der es – ebenso wie Spermin – in besonders großen Mengen vorkommt. Die darauf beruhende Namensgebung verleitet zur Annahme, dass diese Polyamine nur in Sperma enthalten sind; inzwischen weiß man jedoch, dass sich Spermin und Spermidin in allen Körperzellen befinden und auch in tierischen sowie pflanzlichen Organismen wichtige Funktionen übernehmen. Spermidin wird endogen produziert, das heißt, es kann von unserem Körper selbst hergestellt werden. Etwa ein Drittel des Spermidins im Körper wird von unseren eigenen Zellen produziert, der Rest stammt aus der Nahrung und von einigen Bakterien in unserem Darm.

Welche Wirkung hat Spermidin im Körper?

Der Gehalt an Spermidin in Säugetierzellen spielt eine wichtige Rolle: bei der Synthese und Struktur von Proteinen und Nukleinsäuren, beim Schutz vor oxidativen Schäden, in Bezug auf die Membrandurchlässigkeit, beim Zellwachstum, bei der Zelldifferenzierung und bei der Apoptose. Unter normalen physiologischen Bedingungen kann das positiv geladene Spermidin (Polykation) direkt mit Biomakromolekülen mit negativer Ladung interagieren, z. B. mit DNA, RNA, ATP, Proteinen und Phospholipiden. [1],[2]

Spermidin beeinflusst möglicherweise das biologische Alter

Spermidin ist im Hinblick auf seine regulierende Funktion demzufolge ein zentrales Molekül; ein Aspekt, der diese Substanz in den Fokus der Wissenschaft gerückt hat. Seit einigen Jahren wird sie in Bezug auf unsere körperliche Gesundheit erforscht. Wir wissen inzwischen, dass wir mit zunehmendem Alter weniger Spermidin selbst produzieren und dies, neben weiteren Faktoren, mit den typischen Alterserkrankungen in Zusammenhang gebracht werden kann. Und nicht nur das: Erste Studien scheinen darauf hinzuweisen, dass die gezielte Aufrechterhaltung unseres Spermidinlevels in den Prozess des biologischen Alterns eingreifen und diesen verlangsamen kann. Denn das Altern auf zellulärer Ebene beruht auf dem Nachlassen der Selbstreparatur und Zellerneuerung, der reduzierten Fähigkeit zur körpereigenen Entsorgung von Abfallprodukten, einem verlangsamten Stoffwechsel und der zunehmenden Einschränkung der Fähigkeit zur Selbstregulation – also auf all den Prozessen, an denen auch Spermidin beteiligt ist. Spermidin wird deshalb in Sachen Anti-Aging und Langlebigkeit heiß diskutiert und auch als Nahrungsergänzungsmittel beworben.

Spermidin induziert Autophagie – Zellerneuerung durch Recycling

Als einer der wichtigsten Prozesse im Zusammenhang mit Gesundheit bzw. Krankheit gilt unsere Fähigkeit zur Selbstreinigung, auch Autophagie oder Autophagozytose genannt. Sie wurde u. a. von dem Molekularbiologen Yoshinori Ohsumi bis ins kleinste Detail erforscht; wofür er 2016 den Nobelpreis der Medizin erhielt. Pathogene Fremdstoffe und molekulare Abfallstoffe in der Zelle, die aus körpereigenen Prozessen stammen, werden im Zuge der Autophagie von einer speziellen Membran umhüllt, die die Abfallstoffe vom Rest der Zelle trennt (Autophagosom). An diese heften sich die sogenannten Lyosomen an, um mit ihr zu verschmelzen (Autophagolyosom). Lyosomen sind Zellorganellen in Form kleiner Bläschen, die Enzyme enthalten und, sobald sie ins Innere des Autophagosoms gelangen, den Zellabfall zerlegen. Wiederverwertbare Bausteine werden zurück in die Zelle geschleust. Die Autophagie ist ein sehr wichtiger Prozess, denn sammeln sich in der Zelle zu viele Schadstoffe an, wirkt sich das negativ auf unsere Gesundheit aus. [3]

Autophagie ist lebenswichtig

Autophagie ist ein lebenswichtiger Prozess, der im gesunden Organismus in einem geringen Maß immer stattfindet. Sie beeinflusst auch den programmierten Zelltod (Apoptose) bei schwerwiegenden Zellschädigungen. Eine fehlgeleitete oder verminderte Autophagie, wie sie bei alternden Zellen vermutet wird, führt der Molekularbiologin Proikas-Cezanne zufolge zu einem zellulären Desaster und manifestiert sich in Krankheiten wie beispielsweise Krebs, Demenz, Muskelerkrankungen, Infektionen oder Leberinsuffizienz. [3]

Wissenschaftler vermuten, dass eine gesteigerte Autophagie nicht nur durch einen Mangel an Nährstoffen, sondern auch durch das körpereigene Spermidin ausgelöst wird. Tobias Eisenberg vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz fand heraus, dass es spezifische Acetyltransferasen (Enzyme) hemmt und dadurch autophagierelevante Gene und deren Proteine stimuliert. [4]

Spermidin ist ein heißer Kandidat in der Altersforschung

Die Entdeckung der autophagiefördernden Eigenschaft und die Tatsache, dass die intrazelluläre Konzentration von Spermidin während des Alterns sinkt, brachte die Altersforschung auf den Plan: Ein körpereigener Stoff, der zudem in vielen Lebensmitteln natürlich enthalten ist und einen positiven Einfluss auf Langlebigkeit und gesundes Altern zu haben scheint … das musste intensiver erforscht werden.

Vor allem, da ein weiterer Faktor, der den Mechanismus der Selbstreinigung ankurbelt, das Fasten – beispielsweise in Form von Intervallfasten oder Heilfasten –, nicht für jeden geeignet und auch nicht jedermanns Sache ist. Aus diesem Grund wird nach Stoffen gesucht, die die gleichen Effekte zeigen wie eine verringerte Kalorienzufuhr, also autophagiefördernd sind. Solche Substanzen, zu denen auch das Spermidin gezählt wird, werden Kalorienrestriktionsmimetika genannt. Mimetika sind chemische Verbindungen, die wie die körpereigenen Botenstoffe an bestimmte Rezeptoren binden und das gleiche zelluläre Signal auslösen. Das extern zugeführte Kalorienrestriktionsmimetikum Spermidin ist bislang jedoch das einzige, das auch als körpereigene Substanz vorkommt.

Studien zu Spermidin sind bislang überwiegend präklinisch

Die meisten Untersuchungen zur Wirkung von Spermidin sind präklinisch, das heißt, dass die Wirkung von Spermidin an Modellorganismen wie Hefe, Fruchtfliege, Maus oder an humanen Zelllinien erprobt wird. Diese Ergebnisse sind vielversprechend und zeigen positive Effekte in Bezug auf Langlebigkeit, Herzgesundheit, Blutdruck, Gedächtnisstörungen, Diabetes oder Krebs. Sogar eine antivirale Wirkung, zum Beispiel gegen SARS-CoV-2, konnte an Zellkulturen aus Lungengewebe an der Berliner Charité nachgewiesen werden. Bei Zugabe von Spermidin zu SARS-CoV-2-infizierten Zellen produzierten diese 85 % weniger infektiöse Viruspartikel. Die Wissenschaftler dämpften jedoch die Hoffnung auf eine schnell umsetzbare Lösung gegen das Virus, da es sich um synthetisches Spermidin handelte, das erst bei einer extrem hohen Konzentration wirkte, und nicht bekannt ist, wie sich solche Dosierungen im menschlichen Organismus auswirken. [5]

Nur wenige Humanstudien

Belastbare Humanstudien gibt es noch so gut wie keine. Erste humanbezogene Daten stammen aus epidemiologischen Studien, bei denen mittels Befragung u. a. die Ernährungsweise erfasst wurde. Es ist fraglich, ob sich daraus reproduzierbare Rückschlüsse auf die Wirkung einer isoliert betrachteten Substanz ziehen lassen; spielen doch weitaus mehr individuelle Faktoren eine Rolle bei Gesundheit oder Krankheit. Nichtsdestotrotz liefern solche Daten durchaus wertvolle Hinweise und können Impulse für weitere Forschungsvorhaben geben. Interdisziplinär agierende Forscher aus verschiedensten Ländern nutzen diese, um – aufbauend auf deren Auswertung –  Interventionsstudien zu planen und durchzuführen.

Als erste dieser epidemiologischen Studien ist die Bruneck-Studie zu nennen, bei der es um eine qualitativ hochwertige Erfassung der häufigsten menschlichen Krankheiten und um eine Bewertung der Epidemiologie von Krankheiten, der Überschneidungen zwischen altersbedingten Krankheiten und Risikofaktoren sowie um die Entdeckung neuer Biomarker ging.

Auswertung zu Spermidin aus Daten der Bruneck-Studie

Die Bruneck-Studie war eine prospektive, gemeindebasierte (Bruneck in Südtirol) Studie, in die eine nach Alter und Geschlecht geschichtete Zufallsstichprobe von 1000 Männern und Frauen im Alter von 40 bis 79 Jahren aufgenommen wurde. Sie erreichte eine außergewöhnliche Teilnahmequote von 93,4 % und eine nahezu vollständige Langzeitbeobachtung von mehr als einem Vierteljahrhundert (1990–2018). Zu den Forschungsschwerpunkten bei der Auswertung der umfangreichen Daten gehören Atherosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alterung und Langlebigkeit, neurologische Erkrankungen, Knochenerkrankungen und Krebs. [6]

Lebensverlängernde Wirkung von Spermidin?

2018 veröffentlichten der Neurowissenschaftler Kiechl und Kollegen eine Auswertung der Bruneck-Daten in Bezug auf den Effekt einer höheren Aufnahme von Spermidin über die Nahrung. Die erhöhte Aufnahme stehe in umgekehrtem Zusammenhang mit der Sterblichkeit, was darauf hindeute, dass die lebensverlängernde Wirkung von Spermidin, die bei einer Vielzahl von Modellorganismen und menschlichen Zelllinien gut dokumentiert ist, tatsächlich auch für den Menschen gelten könnte. Der in der Analyse gezeigte Überlebensvorteil von ca. 5 Jahren beziehe sich auf alle alterungsabhängigen Todesursachen, wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Atherosklerose oder Krebs, und der Zusammenhang lasse sich unabhängig von anderen Faktoren wie zum Beispiel Lebensstil herstellen. Zudem zeige Spermidin von insgesamt 146 untersuchten Nährstoffen den stärksten Effekt.

Ergebnisse gelten für Spermidin aus Lebensmitteln

Zu betonen sei, dass die Ergebnisse für Nahrungsquellen und für Mengen, die in der westlichen Ernährung üblich sind, gelten. Eine Übertragung der Effekte auf hochdosierte Spermidin-Supplementierung sei Kiechl und Kollegen zufolge nicht ohne Weiteres möglich. Die Hauptquellen für Spermidin in der Untersuchungskohorte waren Vollkornprodukte, Äpfel, Birnen, grüner Salat, Gemüsesprossen, Kartoffeln und Käse. [7]

Auswertung zu Spermidin aus Daten des Studienprogramms NHANES

NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey) ist ein Studienprogramm des National Center for Health Statistic in den USA. Ziel ist die Bewertung des Gesundheits- und Ernährungszustands von Erwachsenen und Kindern in den Vereinigten Staaten, wobei Befragungen und körperliche Untersuchungen kombiniert werden. Das NHANES-Programm begann in den frühen 1960er-Jahren und wurde im Jahr 1999 in ein kontinuierliches Programm umgewandelt, dessen Schwerpunkt auf einer Vielzahl von Gesundheits- und Ernährungsmessungen liegt. Bei der Erhebung wird jedes Jahr eine landesweit repräsentative Stichprobe von etwa 5000 Personen aus 15 Bundesstaaten untersucht. Die Daten werden durch Teilnehmerbefragungen und aus medizinischen, zahnmedizinischen und physiologischen Messungen sowie aus Labortests erfasst. [8]

Kardiovaskulärer Schutz durch Spermidin?

Wu und Kollegen veröffentlichten 2022 eine Auswertung eines Teils dieser Daten. Der Fokus lag hierbei auf dem Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Spermidin über die Nahrung und der Gesamtsterblichkeit bzw. der kardiovaskulär bedingten Sterberate. Die Ergebnisse der Daten von 23894 Personen aus einem Zeitraum von 2003 bis 2014 zeigen den Autoren zufolge, dass bei einer vermehrten Aufnahme von Spermidin aus Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchten, Nüssen und Käse das Sterberisiko insgesamt und im Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen signifikant niedriger war als bei denjenigen, deren Ernährung weniger Spermidin enthielt. [9]

Der Gehalt an Spermidin in unseren Lebensmitteln

Als der Star in Bezug auf den Spermidingehalt gelten Weizenkeime. Viele weitere Lebensmittel, die auf unserem Speiseplan stehen, enthalten jedoch ebenso Spermidin. Eine schwedische Forschungsgruppe hat sich die Mühe gemacht und Polyamingehalte einer ganzen Reihe an üblichen Lebensmitteln zusammengestellt. Ziel ihrer Studie war die Entwicklung einer Datenbank zum Polyamingehalt in Lebensmitteln als Ergänzung der schwedischen Lebensmitteldatenbank Livsmedelsverket auf der Grundlage von Literaturrecherchen und Analysen typischer schwedischer Lebensmittel. Die daraus ermittelte Top 12 der spermidinreichen Lebensmittel umfasst gekochte Sojabohnen, grüne Erbsen, Birnen, Linsensuppe, Pilze, rote Bohnen, Brokkoli, Blumenkohl, Huhn, Popcorn, Käse und gekochte Kartoffeln. Die Arbeit von Atiya Ali und Kollegen umfasst eine lange Liste, in der die Spermidingehalte vieler verschiedener Lebensmittel aufgeführt sind. [10]

Spermidingehalt in Lebensmitteln schwankt

Diese ist sicherlich nicht vollständig und der Gehalt wird aufgrund verschiedenster Faktoren wie Bodenqualität, ökologische oder konventionelle Produktion, Klima, Verarbeitungsmethoden etc. variieren. Aber sie zeigt, dass bereits eine ausgewogene Ernährung einiges an Spermidin liefert. Wer sich im zunehmenden Alter danach richtet, kann dadurch der verringerten körpereigenen Herstellung des wertvollen Moleküls unter Umständen entgegenwirken und seine Ernährung als potenzielles Anti-Aging-Mittel einsetzen.

Gibt es Spermidin als Nahrungsergänzungsmittel?

Sehr bald nachdem die ersten Meldungen zum Thema Spermidin und Anti-Aging/Langlebigkeit veröffentlicht wurden, gab es Spermidin auch als Nahrungsergänzungsmittel. Die Nachfrage nach einem einfach einzunehmenden Präparat, das gesundes Altern ermöglichen und sogar lebensverlängernd wirken soll, ist so groß, dass rasend schnell ein unübersichtlicher Markt dafür entstand. Die meisten Unternehmen bieten Spermidin aus natürlichen Quellen an; sie enthalten Weizenkeimpulver, Weizenkeimextrakt, Soja oder Buchweizenkeimlinge. Sehr häufig sind die Präparate stark überteuert und enthalten weitere, zum Teil fragwürdige Ingredienzen. Für Spermidin sind derzeit keine gesundheitsbezogenen Aussagen (Health Claims) erlaubt. Häufig werden aus diesem Grund weitere Substanzen hinzugefügt, um entsprechende Werbung machen zu können. Irreführende Werbung ist in Deutschland allerdings per Gesetz verboten: Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb § 5.

Häufig überteuerte Produkte

Die Preisskala für beispielsweise 60 Kapseln reicht von ca. 20 Euro (fermentierter Weizenkeimextrakt; 0,120 mg Spermidin pro Kapsel, Empfehlung 1 x tgl.) bis ca. 120 Euro (Sojabohnenextrakt; 1,25 mg pro Kapsel, Empfehlung 2 x tgl.). Weizenkeime werden auch in Pulverform überteuert angeboten. Allein den aufgedruckten Hinweis „spermidinreich“ oder „Superfood“ betrachten die Anbieter offensichtlich als Berechtigung, den Preis in die Höhe zu treiben: So kostet beispielsweise (Stand Dezember 2023) eine 500-g-Packung mit Weizenkeimen in Bioqualität, die zudem noch irreführend als „Spermidin aus Weizenkeimen“ bezeichnet wird, knapp 13 Euro (400 mg Spermidin pro Kilogramm), während eine „normale“ Packung mit 500 g Weizenkeimen durchschnittlich mit weniger als 2,00 Euro zu Buche schlägt. Der mittlere Spermidingehalt für Weizenkeime wird allgemein mit 354 mg/kg angegeben. Da stellt sich berechtigterweise die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, herkömmliche Weizenkeime über das Müsli zu streuen oder anderweitig in den täglichen Speiseplan zu integrieren.

Worauf ist bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Spermidin zu achten?

Wer den Geschmack von Weizenkeimen in Pulverform nicht mag und bereit ist, etwas mehr auszugeben, kann natürlich trotzdem zu Spermidin-Präparaten in Form von Nahrungsergänzungsmitteln greifen. Sicherheit und Verträglichkeit von Spermidin aus natürlichen Quellen wurden in einer Studie überprüft. Hierbei wurde den Teilnehmenden über 3 Monate hinweg ein spermidinreicher Weizenkeimextrakt (1,2 mg Spermidin pro Tag) verabreicht. Aus einer Einhaltquote von 85 % schließen die Forscher auf eine hohe Verträglichkeit. Die Anzahl der Probanden war mit 30 Personen jedoch nicht allzu groß. [11]

Bei der Wahl eines geeigneten Präparates sollte beachtet werden, dass das Spermidin ausschließlich aus natürlichen Quellen stammt und keine weiteren Inhaltsstoffe enthalten sind. Eine wissenschaftlich fundierte Empfehlung für eine erforderliche Tagesdosis gibt es bislang nicht.

Vorsicht vor hochdosierten oder als glutenfrei deklarierten Spermidin-Präparaten

Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin, die hochdosiert oder als glutenfrei deklariert sind, enthalten oft zusätzlich oder sogar ausschließlich synthetisches Spermidin. Dieses ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da die Auswirkungen bei langfristiger Einnahme nicht ausreichend untersucht sind.

Daniel Dietz, CEO der Longevity Labs in den USA, weist darauf hin, dass synthetische Spermidin-Präparate bislang für Forschungszwecke gedacht sind. Ihm zufolge ist es wichtig, bei der Nahrungsergänzung vor allem die Aufnahme von Lebensmitteln mit Nährwert zu erhöhen und nicht mit Forschungschemikalien zu experimentieren, bevor sie als sicher validiert wurden. [12]

Kann Spermidin Nebenwirkungen haben?

Wissenschaftler warnen vor allem vor Produkten mit hochdosiertem Spermidin, weil die Wirkungen hoher Dosen im Körper nur unzureichend erforscht sind. Die erlaubte Höchstmenge an Spermidin liegt laut Verbraucherzentrale bei 6 mg pro Tag. [13]

Einer Studie zufolge wird ein Anstieg der körpereigenen Polyamine und Polyamin-Syntheseenzyme mit Tumorwachstum in Verbindung gebracht. Der Urin- und Plasmagehalt von Polyaminen und ihren Metaboliten wurde als diagnostischer Marker für Krebserkrankungen untersucht. Von diesen sind Derivate von Spermidin und Spermin im Urin von Krebspatienten erhöht und stellen somit potenzielle Marker für die Früherkennung dar. [14]

Das wirft die Frage auf, ob eine hochdosierte Supplementierung möglicherweise sogar krebsfördernd sein könnte. Die Einnahme von bioidentischen Substanzen ist immer mit einem Risiko verbunden, solange nicht ausreichend geklärt ist, welche Folgen ein solcher Eingriff in wichtige Regulationsprozesse haben kann.

Spermidin und mögliche Unverträglichkeiten

Sowohl eine spermidinreiche Ernährung als auch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln können manchen Personen Probleme bereiten:

Spermidinreiche Lebensmittel bei Histaminintoleranz meiden

Wer bekanntermaßen empfindlich auf Histamin reagiert, sollte auf spermidinreiche Lebensmittel eher verzichten, da diese häufig selbst viel Histamin enthalten oder als Histaminliberatoren gelten. Das heißt, dass sie die Histaminausschüttung im Körper anregen. Dazu gehören zum Beispiel auch Weizenkeime, Käse, Champignons oder Hülsenfrüchte. [15]

Bei Zöliakie oder Glutenintoleranz keine Weizenkeime einnehmen

Wenn Sie unter Zöliakie oder Glutenintoleranz leiden, sollten Sie keine Weizenkeime zu sich nehmen. Auch wenn Gluten hauptsächlich im Mehlkörper und nicht im Keim steckt, kann produktionsbedingt niemals ausgeschlossen werden, dass Weizenkeimprodukte Spuren von Gluten enthalten. In diesem Fall empfiehlt es sich, auf andere spermidinreiche Lebensmittelgruppen bzw. auf Nahrungsergänzungsmittel mit Soja oder Buchweizen zurückzugreifen.

Fazit: Es braucht Geduld

Die Hoffnung, dass Spermidin, das in zahlreichen Lebensmitteln zu finden ist und auch als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet wird, unseren innigen Wunsch nach Langlebigkeit und gesundem Altern erfüllt, muss aus wissenschaftlichem Blickwinkel vorerst gebremst werden. Noch gibt es zu wenig aussagekräftige klinische Studien, welche die potenziellen positiven Auswirkungen auf unsere Gesundheit belegen. Das heißt jedoch nicht, dass dieses Ziel niemals erreicht werden wird.

Wer nicht so lange warten möchte, kann sich mit einer spermidinhaltigen und abwechslungsreichen Ernährung, die zudem viele weitere gesundheitsförderliche Stoffe enthält, etwas Gutes tun. Auch Sport kurbelt die eigene Spermidinsynthese an, was vor allem für diejenigen geeignet ist, die unter diversen Nahrungsmittelunverträglichkeiten leiden. Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin sollten nur mit Bedacht und von onkologischen Patienten gar nicht eingenommen werden. Hier lohnt der genaue Blick auf die Inhaltsstoffe und die Überprüfung des Unternehmens. Nicht vertrauenswürdig sind Anbieter, die ungenaue Angaben sowie gesundheitliche Versprechungen machen und ihre Produkte zu überzogenen Preisen anbieten.

Quellen

[1]: Pegg, A. E. (2016). Functions of polyamines in mammals. JBC 291/29, https://doi.org/10.1074/jbc.R116.731661.

[2]: Han, X. et al. (2022). Spermidine Regulates Mitochondrial Function by Enhancing eIF5A Hypusination and Contributes to Reactive Oxygen Species Production and Ganoderic Acid Biosynthesis in Ganoderma lucidum. Genetics and Molecular Biology 88/6, https://doi.org/10.1128/aem.02037-21

[3]: Lenzen-Schulte, M. & Zylka-Menhorn, V. (2016). Autophagie: „Selbstverstümmelung“ als Überlebensstrategie. Dtsch Ärztebl 2016, 113/40, https://www.aerzteblatt.de/archiv/182779/Autophagie-Selbstverstuemmelung-als-Ueberlebensstrategie

[4]: Eisenberg, T. et al. (2009): Induction of autophagy by spermidine promotes longevity. Nat Cell Biol. 2009 Nov;11(11):1305-14, https://doi.org/10.1038/ncb1975

[5] https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/bandwurmmittel_gegen_sars_cov_2

[6]: Kiechl S. & Willeit J. (2019). In a Nutshell: Findings from the Bruneck Study. Gerontology 2019;65:9-19, doi: 10.1159/000492329

[7]: Kiechl S. et al. (2018). Higher spermidine intake is linked to lower mortality: a prospective population-based study. The American Journal of Clinical Nutrition. 2018 Aug;108(2):371-380, doi: 10.1093/ajcn/nqy102

[8]: https://www.cdc.gov/nchs/nhanes/about_nhanes.htm

[9]: Wu, H. et al. (2022): The association of dietary spermidine with all-cause mortality and CVD mortality: The U.S. National Health and Nutrition Examination Survey, 2003 to 2014. Front Public Health. 2022 Sep 28;10:949170. doi: 10.3389/fpubh.2022.949170

[10]: Atiya Ali, M.et al. (2011): Polyamines in foods: development of a food database. Food Nutr Res. 2011 Jan 14;55. doi: 10.3402/fnr.v55i0.5572

[11] Schwarz, C. et al. (2018): Safety and tolerability of spermidine supplementation in mice and older adults with subjective cognitive decline. Aging 10/1, doi: 10.18632/aging.101354

[12]: Sullivan, D. (2022): Evidence mounts for spermidine’s potential in age-related disease. https://longevity.technology/news/evidence-mounts-for-spermidines-potential-in-age-related-disease/

[13]: https://www.verbraucherzentrale-berlin.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/jungbleiben-mit-spermidin-51804

[14]: Park M. H. & Igarashi K. (2013). Polyamines and their metabolites as diagnostic markers of human diseases. Biomol Ther (Seoul), 21(1):1-9. doi: 10.4062/biomolther.2012.097

[15]: https://www.alles-essen.at/histaminintoleranz/ernaehrung-und-lebensmittel

Stefanie Wisshak ist Pharmazeutisch Technische Assistentin, hat viele Jahre als Biologisch Technische Assistentin in den Fachbereichen Mikro- und Molekularbiologie gearbeitet und einen akademischen Abschluss als Diplom-Geografin. Seit 2013 folgt sie ihrer wahren Bestimmung und schreibt und lektoriert Texte aller Art – am liebsten mit Bezug zu Gesundheit und Lebensstil.