Theanin (L-Theanin)

Theanin soll beruhigende Eigenschaften haben und wird als „Held für psychische Gesundheit“ angepriesen. Doch was steckt hinter diesen Werbeaussagen für das „Wundermittel aus grünem Tee“? Was ist über die Wirkung tatsächlich bekannt und für wen könnte Theanin tatsächlich hilfreich sein? Gibt es auch kritische Stimmen? Diese und weitere Fragen sollen in diesem Artikel beantwortet werden.

Theanin

Was ist eigentlich Theanin?

Theanin oder genauer gesagt L-Theanin ist eine nicht-proteinogene Aminosäure, die in größeren Mengen in den Blättern der Teepflanze und daher vor allen Dingen in grünem Tee vorkommt. Nicht-proteinogen bedeutet, dass unser Körper diese Aminosäure nicht für den Einbau in Proteine benötigt. Deswegen wird Theanin im Gegensatz zu den 21 proteinogenen Aminosäuren, nicht zwingend für den Organismus benötigt. Dennoch gilt Theanin als förderlich für die Gesundheit und den Geist. In dieser Aminosäure liegt ein Teil der positiven gesundheitlichen Wirkung von grünem Tee begründet. Er wird Schätzungen zufolge seit dem Jahr 350 in China genossen und hat sich in den letzten Jahrhunderten in der ganzen Welt verbreitet. Weltweit ist Tee nach Wasser das häufigste Getränk. Der Pro-Kopf-Konsum von grünem und schwarzem Tee in Deutschland steigt seit Jahren langsam, aber stetig an und lag im Jahr 2020 bei 28,3 Liter pro Jahr.

Wie wirkt Theanin im Körper?

Die detaillierten Mechanismen, über die Theanin seine Wirkung im Körper entfaltet, sind zu einem Großteil noch nicht verstanden. Da die Aminosäure allerdings ein vielversprechendes Forschungsobjekt darstellt, ist sie Gegenstand zahlreicher Studien, sodass sich Stück für Stück zeigt, wie sie tatsächlich auf den menschlichen Körper wirkt oder zumindest wirken könnte. Viele dieser Ergebnisse stammen nämlich aus nicht-humanen Studien, sondern aus Zellkultur- oder Tierversuchen. Für ein besseres Verständnis müssen die gewonnenen Erkenntnisse auf ihre Gültigkeit beim Menschen geprüft werden. Ein Großteil dieser Erkenntnisse betrifft die Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Da Tee bekanntermaßen eine beruhigende Wirkung auf den Geist entfaltet, ist es nicht verwunderlich, dass Theanin seinen Hauptwirkort anscheinend im Gehirn findet. Aber auch andere Körperfunktionen könnten möglicherweise von Theanin beeinflusst werden. 

Wirkung auf das Gehirn

Theanin gelangt aus der Nahrung in die Blutbahn und kann von dort aus die Blut-Hirn-Schranke passieren. Dabei handelt es sich um eine besondere Schutzschicht zwischen den Blutgefäßen und dem zentralen Nervensystem, die in erster Linie dafür Sorge trägt, dass Krankheitserreger oder Giftstoffe nicht in das Gehirn gelangen. Kinetische Untersuchungen bei Ratten deuten darauf hin, dass Theanin bei seinem Eintritt ins Gehirn mit anderen Aminosäuren, insbesondere den verzweigtkettigen, um den Transport konkurriert. Deren Konzentration sinkt im Gehirn in einem ähnlichen Ausmaß, wie die Konzentration von Theanin nach der Aufnahme mit der Nahrung steigt. Die verzweigtkettigen Aminosäuren gehören zu den essentiellen Aminosäuren und werden insbesondere bei erhöhter Aktivität in größeren Mengen für die Bereitstellung von Energie benötigt.

Studien deuten darauf hin, dass Theanin einen Einfluss auf unterschiedliche Botenstoffe im Gehirn, sogenannte Neurotransmitter ausübt. So zeigte sich unter anderem eine Erhöhung der Botenstoffe Dopamin und Serotonin. Sie sind wichtig für ein emotionales Wohlbefinden und Entspannung und werden daher umgangssprachlich auch als „Glückshormone“ bezeichnet. Dieser Mechanismus könnte erklären, warum Theanin eine positive Wirkung auf die psychische Gesundheit zu haben scheint. Auch über die Konkurrenz mit der chemisch sehr ähnlichen Aminosäure Glutamat um dessen Rezeptoren könnte L-Theanin die biochemischen Prozesse im Gehirn in eine entspannte Richtung lenken. Glutamat ist der wichtigste erregende Botenstoff im Gehirn. Theanin blockiert möglicherweise zeitweilig dessen Rezeptoren, wodurch die Gesamtaktivität des Gehirns sanft herunterreguliert wird.

Eine Studie aus Japan konnte zeigen, dass die tägliche Einnahme von 200 mg Theanin über 4 Wochen die Symptome von Stress deutlich reduziert und dabei gleichzeitig die kognitiven Funktionen verbessert. In einer anderen placebokontrollierten Studie konnten Wissenschaftler zeigen, dass die Gabe von Theanin in einer dosisabhängigen Weise die neurophysiologische Aktivität bei gesunden Erwachsenen verändert. So konnte über spezifische Messungen eine erhöhte selektive Aufmerksamkeit nach der Gabe von 400 mg Theanin nachgewiesen werden.

Zusammenfassend scheint es darauf zu deuten, dass Theanin eine beruhigende und entspannende Wirkung im Gehirn entfaltet. Dabei macht es aber nicht müde, sondern erhöht die Aufmerksamkeit und stärkt die Fokussierung. Diese Erkenntnisse müssen allerdings dringend durch weitere Studien bestätigt und weiter analysiert werden.

Allgemeine Wirkung auf die Gesundheit

Zahlreiche weitere Studien befassten sich mit der Wirkung von Theanin auf Funktionen außerhalb des Gehirns. Hier zeigen sich komplexe Wirkmechanismen, die bis heute nicht im Detail verstanden sind. Dennoch lässt sich an vielen Stellen eine Beeinflussung von physiologischen Vorgängen durch Theanin vermuten. Inwieweit sie allerdings für die Gesundheit des Menschen von Belang sind, muss in vielen Bereichen noch abschließend geklärt werden. Die hier dargestellten Erkenntnisse stammen zu einem Großteil aus der Grundlagenforschung und umfassen hauptsächlich in-vitro-Studien (nicht im lebenden Organismus) und tierexperimentelle Studien. Nur wenige Beobachtungen an menschlichen Probanden konnten die gewonnenen Erkenntnisse bisher eindeutig bestätigen. Ergebnisse aus klinischen Studien sind teilweise widersprüchlich, nicht eindeutig oder wurden schlichtweg noch nicht gewonnen. Eine Übertragung der folgenden Punkte auf den Menschen ist daher mit Vorsicht zu genießen, da noch eine Vielzahl klinischen Studien notwendig ist. In einer aktuellen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 fassen Forscher aus China die bisherigen Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zusammen und postulieren folgende gesundheitliche Wirkung von Theanin.

Antioxidative Eigenschaften

Antioxidantien sind in der Lage, reaktive Sauerstoffspezies, sogenannte Freie Radikale, unschädlich zu machen. Sie entstehen beim normalen Stoffwechsel und können körpereigene Zellen angreifen und schädigen. Freie Radikale spielen eine wesentliche Rolle für den Alterungsprozess und bei der Entstehung zahlreicher Erkrankungen. Theanin konnte in tierexperimentellen Studien die Zahl reaktiver Sauerstoffspezies aktiv reduzieren und wirkte gleichzeitig positiv auf die Synthese antioxidativer Enzyme, wodurch zusätzlich eine indirekte antioxidative Wirkung möglich ist. 

Entzündungshemmende Eigenschaften

L-Theanin hemmt einen bestimmten Signalweg und unterdrückt dadurch die Freisetzung einiger entzündungsfördernder Faktoren (z. B. COX-2 oder Prostaglandin E2) innerhalb des Immunsystems. Entzündungen dienen der Regulation der natürlichen Immunantwort, können allerdings Probleme verursachen, wenn sie nicht ausreichend kontrolliert werden. Unterschiedliche induzierte Entzündungen bei Labortieren konnten durch die Gaben von Theanin abgemildert werden, sodass sich die Beschwerden linderten.

Krebshemmende Wirkung

Sowohl in Zellkulturen als auch in Versuchstieren konnte Theanin das Wachstum unterschiedlicher menschlicher Krebszellen verlangsamen und besitzt dadurch ein therapeutisches Potential für die Behandlung metastasierende Tumore. Es scheint ferner möglich, dass Theanin den Zelltod von Tumorzellen direkt auslöst. Zusätzlich konnten durch die Gabe von Theanin die Nebenwirkungen einer Chemotherapie bei Labortieren reduziert werden, wodurch diese Therapie insgesamt effizienter werden könnte.

Wirkung auf den Stoffwechsel

Sowohl in Kulturen menschlicher Zellen als auch im Tierversuch und bei Menschen konnte Theanin den Stoffwechsel von Zucker, Fetten und Proteinen beeinflussen. Insbesondere die Auswirkung auf den Zuckerhaushalt scheint der Entstehung von Diabetes entgegenzuwirken. So zeigten Untersuchungen an über 2000 Japanern, dass es offenbar eine Korrelation zwischen dem Theanin-Konsum und dem Diabetesrisiko gibt. Auch das Risiko für Fettleibigkeit konnte bei Ratten durch Theanin reduziert werden.

Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System

Experimente aus Zellkulturen legen nahe, dass L-Theanin die Expression von Rhythmus-Genen beeinflusst, die mit einigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen könnten. Auch reduzierte Theanin in Tiermodellen die Bildung von Narbengewebe in Blutgefäßen (z. B. nach Setzten eines Stents), wodurch das Risiko für einen späteren Gefäßverschluss reduziert wird. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigste Todesursache.

Wirkung auf Leber und Nieren

An unterschiedlichen Tiermodellen konnte nachgewiesen werden, dass Theanin in dosisabhängiger Weise Linderung verschafft, wenn Schäden der Leber oder der Nieren vorliegen. Die Aminosäure könnte bei derartigen Erkrankungen einen Beitrag dazu leisten, die angegriffenen Organe zu schützen. Diese Beobachtung ist zu einem Großteil durch die entzündungshemmenden Eigenschaften und die Unterdrückung proinflammatorischer Zytokine zu erklären. Interessant ist dabei das die positive Wirkung unabhängig von der untersuchten Ursache der Organschädigung war. 

Wirkung auf den Darm

Sowohl in unterschiedlichen Vogelmodellen als auch bei gestressten Ratten konnte Theanin einen positiven regulatorischen Einfluss auf die Darmflora entfalten, die insbesondere bei Stress aus dem Gleichgewicht kommen kann. Das Mikrobiom im Darm steht im Zusammenhang mit grundlegenden Gesundheitsfunktionen des Körpers und des Geistes. Die genauen Mechanismen sind allerdings bis heute noch nicht eindeutig verstanden. Hier besteht noch großer Forschungsbedarf. 

Zusammenfassend zeigt sich ein großes Potential von Theanin für die Unterstützung der menschlichen Gesundheit. Gesicherte Daten für den Einsatz bei Menschen liegen allerdings noch nicht vor. Auch Fragen der Dosierung oder potentieller Nebenwirkungen sind bis heute ungeklärt.

Wie wird Theanin aufgenommen?

Der menschliche Organismus ist nicht in der Lage, Theanin selbst zu produzieren. Es kann daher nur von außen in den Körper gelangen. Wie andere Aminosäuren auch, wird Theanin im Dünndarm über einen aktiven Transportmechanismus in die Zellen der Schleimhaut aufgenommen. Von dort gelangt es in die Blutbahn und kann so im ganzen Körper verteilt werden. Die höchste Menge an Theanin im Blutplasma wird etwa 40 Minuten nach der Einnahme erreicht. In den folgenden Stunden wird es langsam abgebaut und über die Nieren ausgeschieden.

Theanin in Lebensmitteln

Theanin kommt natürlicherweise in den Blättern der Teepflanze (Camellia sinensis) vor, aus der sowohl weißer, grüner und schwarzer Tee hergestellt werden kann. Aufgrund der unterschiedlichen Verarbeitung der Blätter liegt der Theanin-Gehalt in weißem Tee am höchsten. Etwas geringer ist er in grünem Tee und am niedrigsten in schwarzem. Dennoch liegt selbst hier der durchschnittliche Theanin-Gehalt pro Tasse bei 27 mg. Da L-Theanin sehr gut lösbar ist, geht es beim Ziehen rasch in den Tee über, sodass bereits nach einer Minute die Hälfte des extrahierbaren Theanins in den Tee gelangen konnte. Dies ist besonders interessant für Menschen, die den etwas bitteren Geschmack nach einer langen Ziehzeit nicht mögen. Theanin selbst schmeckt eher süßlich und gibt besonders dem frühen Aufguss eine charakteristische süß-herzhafte Note.

Da Tee zahlreiche weitere Inhaltsstoffe enthält, ist dessen positive Wirkung nicht allein auf das enthaltene Theanin zurückzuführen. Insbesondere in Kombination mit Koffein, das ebenfalls in großer Menge in der Teepflanze vorkommt, kann ein komplexes Wirkspiel erreicht werden. Auch zahlreiche enthaltene sekundäre Pflanzenstoffe können sich nach dem Genuss von Tee positiv auf die Gesundheit auswirken. 

Theanin in Supplements

Theanin-Supplements können grundsätzlich in zwei Formen erworben werden. Reines Theanin in Form von Hartkapseln, Tabletten oder Softgels enthält keine weiteren Inhaltsstoffe und dient gezielt der Zufuhr dieser speziellen Aminosäure. Hierfür wird L-Theanin in großen Mengen durch Pflanzenextraktion, chemische Synthese oder enzymatische Umwandlung hergestellt. Rein chemisch gibt es keinen Unterschied zwischen Theanin aus den verschiedenen Herstellungsverfahren. Die allgemeinen Empfehlungen für die Dosierung von Theanin liegen zwischen 50 und 400 mg pro Tag, wobei die Einnahme nach Bedarf und unabhängig von Mahlzeiten erfolgen kann.

Komplexere Nahrungsergänzungsmittel enthalten neben Theanin oftmals zahlreiche andere Inhaltsstoffe. Sehr verbreitet sind zum Beispiel Grünteeextrakte, die zusätzlich Koffein und sekundäre Pflanzenstoffe, insbesondere Catechine enthalten. Diese könnten in großen Mengen allerdings die Leber schädigen, weswegen dringend die angegebene Dosierung des Gesamtproduktes beachtet werden sollte. Einige Nahrungsergänzungsmittel, die gezielt als Anti-Stress-Mittel oder zur Förderung eines gesunden Schlafes beworben werden, enthalten neben Theanin häufig, B-Vitamine, Zink oder andere pflanzliche Zusatzstoffe, die die angepriesene Wirkung entfalten sollen. Auch hier gilt es, nicht von der empfohlenen Dosierung des Herstellers abzuweichen.

Da Theanin pflanzlich ist, sind reine Theaninpräparate immer vegan. In theaninhaltigen Komplexpräparaten können sich unter Umständen nicht vegane Inhaltsstoffe verbergen. Hier muss im Zweifel genau nachgeschaut werden. Grundsätzlich ist ratsam, bei Präparaten, die aus Pflanzen gewonnen werden, auf einen zertifizierten Anbau ohne Verwendung potentiell schädlicher Pflanzenschutzmittel zu achten.

Wer könnte von Theanin-Supplements profitieren?

Grundsätzlich ist Theanin nicht notwendig für den menschlichen Körper und seine Gesundheit. Für die Gesundheit entscheidend sind in erster Linie die individuellen Ernährungsgewohnheiten und ausreichende Bewegung. Ein zusätzlicher regelmäßiger Genuss von frisch aufgebrühtem Tee könnte der Gesundheit überdies etwas Gutes tun. Das Bundeszentrum für Ernährung preist die wertvollen Inhaltsstoffe von Tee an und erläutert, dass das enthaltene Theanin die eher aufputschende Wirkung des Koffeins abmildert, sodass der Tee insgesamt Entspannung und Beruhigung vermittelt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung verweist allerdings deutlich darauf, Tee als Genussmittel zu betrachten und nicht als Durstlöscher. Insbesondere der hohe Gehalt an Koffein könnte bei mehr als sieben Tassen täglich zu einem Problem werden. Dennoch kann es unter Umständen möglich sein, dass eine zusätzliche gezielte Einnahme von Theanin bei bestimmten Beschwerden oder in speziellen Situationen Abhilfe schaffen könnte.

Menschen mit Stress 

Theanin scheint aufgrund der Wirkungsweise im Gehirn einen beruhigenden und entspannenden Effekt zu entfalten und kann damit für Menschen geeignet sein, die unter chronischem oder akutem Stress stehen. Lang anhaltender negativer Stress steht in direktem Zusammenhang mit zahlreichen Erkrankungen und sollte unbedingt vermieden werden. Die Einnahme von Theanin könnte einen Beitrag zur allgemeinen Entspannung liefern, sollte jedoch ein gesundes Stressmanagement keinesfalls ersetzten. Theanin macht nicht müde und kann daher auch problemlos am Tage genommen werden. 

Menschen mit Schlafstörungen

Auch Schlaf steht in einem direkten Zusammenhang mit der Gesundheit. Allerdings leiden zunehmend viele Menschen an Schlafproblemen. So gab in einer aktuellen Umfrage ein Viertel der Befragten, an schlecht oder sehr schlecht zu schlafen. Dabei kann es Probleme mit dem Einschlafen ebenso geben wie nächtliches Aufwachen oder innere Unruhe. Eine mangelhafte Schlafqualität führt zu Erschöpfung und einem Leistungsabfall am Tage und kann langfristig zu organischen Schäden führen. Zwar sollte bei Schlafproblemen eine Ursachenforschung unternommen werden, um die individuellen Schlafprobleme in den Griff zu bekommen, doch könnte die Einnahme von Theanin am Abend kurzfristig dabei unterstützen, besser zur Ruhe zu kommen und einen erholsamen Schlaf zu finden. 

Ältere Menschen

Aufgrund der vielfältigen potentiell gesundheitsförderlichen Eigenschaften von Theanin könnten speziell ältere Menschen von einer Supplementierung profitieren. Insbesondere die Wirkung im Gehirn könnte die Alterung des Denkorgans verlangsamen und seine Folgen abmildern. So zeigt eine placebokontrollierte Studie aus Japan bei Menschen zwischen 50 und 69 Jahren eine Verbesserung der kognitiven Leistungen bereits nach einer einmaligen Gabe von Theanin. Die Aminosäure hat somit offenbar das Potential eine alternde Gesellschaft mental fit zu halten. Aufgrund seiner antioxidativen, entzündungshemmenden und neuroprotektiven Eigenschaften sowie der Verbesserung der Verfügbarkeit von Dopamin wird L-Theanin unter anderem auch als mögliches natürliches Therapeutikum zur Ergänzung der Therapie von Parkinson diskutiert.

Allerdings gilt auch hier das Argument, dass der regelmäßige Genuss von Tee allein schon eine deutlich positive Wirkung insbesondere bei alten Menschen zeigt. Hierbei werden unterschiedliche Inhaltsstoffe des Tees von Bedeutung sein. Insbesondere die kognitiven Fähigkeiten scheinen sich im Alter durch Teekonsum verbessern zu lassen. So lässt sich das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung, einer Demenz oder auch nur leicht kognitiver Einschränkungen im Alter durch den regelmäßigen Verzehr von grünem Tee Studien zufolge offenbar reduzieren. Hier besteht allerdings noch weiterer Forschungsbedarf.

Risikobewertung und Sicherheitsaspekte

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat im Jahr 2003 eine Stellungnahme bezüglich einer möglich anstehenden Anreicherung von Getränken mit isoliertem L-Theanin herausgebracht. Dabei betonen die Forscher, dass isoliertes und damit hochdosiertes Theanin eine andere Wirkungsweise erreichen könnte, als er über den Genuss von Tee üblicherweise zustande kommt. Da zum damaligen Zeitpunkt aber noch viel zu wenig über die genauen Effekte, insbesondere unerwünschter Nebenwirkungen beim Menschen bekannt war, lehnte das BfR den Zusatz von isoliertem L-Theanin in Getränken ab. Diese Ablehnung hat noch immer Gültigkeit. Das BfR wirft ferner die Frage auf, „ob L-Theanin nicht eher das Wirkprofil eines Arzneistoffes (dessen vielseitiges Potential offensichtlich derzeit noch Gegenstand der Forschung ist) besitzt als das eines Zusatzstoffes in Nahrungsergänzungsmitteln“. Auch weist das Institut auf mögliche Risiken einer übermäßig sedierenden Wirkung von hochdosiertem Theanin hin, die die Verkehrssicherheit beeinträchtigen könnte. Hierzu liegen allerdings keinerlei Daten vor. Zuletzt werden grundsätzliche Bedenken geäußert, eine offenbar zentralnervös wirksame Substanz, die auf komplexe Mechanismen im Gehirn einwirkt, losgelöst von ihrem ursprünglichen Vorkommen in Tee in vergleichsweise hohen Konzentrationen im Lebensmittelbereich einzusetzen. Für die Verwendung von Pflanzenstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln besteht keine strenge Regelung, solange die Inhaltsstoffe nicht als Arzneimittel gelten. 

Generell stuft das BfR die Aufnahme von pflanzlichen Inhaltsstoffen über eine ausgewogene Ernährung als gesundheitsförderlich, die Aufnahme über Nahrungsergänzungsmittel allerdings als potentiell problematisch ein. Die aufgenommene Menge über Supplements liege weit über der Menge, die natürlicherweise aufgenommen werden würde. Hier besteht die Gefahr, dass pflanzliche Arzneimittel in unterdosierter Form über vermeintlich sichere Präparate in den freien Handel gebracht werden. Dabei gibt es größtenteils keine Klarheit über Nebenwirkungen oder möglichen Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln und es liegen keine Sicherheitsdaten vor.

Fazit mit Vor- und Nachteilen

Theanin ist eine in der Teepflanze enthaltene Aminosäure, die potentiell gesundheitsförderliche Eigenschaften in sich trägt. Zahlreiche Studien untersuchen die Wirkungsweise und versuchen das komplexe Zusammenspiel auf unterschiedlichen Ebenen zu entschlüsseln. Dabei zeigt sich, dass Theanin biochemische Prozesse im Gehirn beeinflusst und auf diese Weise Entspannung und Beruhigung vermittelt, aber auch die Aufmerksamkeit erhöht. Aus diesem Grunde werden Theanin-Supplements häufig für Menschen mit Stress oder Schlafproblemen oder auch zur geistigen Fokussierung beworben. Auch ältere Menschen könnten möglicherweise aufgrund der vielseitigen Wirkung von Theanin profitieren. Da die Supplements allerdings aufgrund einer völlig unklaren Risikobewertung nicht ganz unbedenklich sind, sollte sich jeder die Frage stellen, ob es nicht besser wäre, seine Gesundheit durch den regelmäßigen Genuss von grünem Tee zu unterstützen. Theanin hat definitiv ein Potential als pflanzliches Arzneimittel. Ob es allerdings ohne Klärung von Sicherheitsbedenken in hochdosierter Form (verglichen mit Tee) als Supplement eingeworfen werden sollte, bleibt am Ende fraglich.

Quellen

  • Terashima et al. (1999) Time-dependent Changes of Amino Acids in the Serum, Liver, Brain and Urine of Rats Administered with Theanine. Biosci. Biotechnol. Biochem. 63 (1999) 615-618.
  • Schneider et al. (2008) Theaninforschung – Tee gegen den Lärm der Welt. Pharmazeitische Zeitung 21.3.2008
  • Hidese et al. (2019) Effects of L-Theanine Administration on Stress-Related Symptoms and Cognitive Functions in Healthy Adults: A Randomized Controlled Trial. Nutrients. 2019 Oct; 11(10): 2362.
  • Dassanayake et al. (2020) L-theanine improves neurophysiological measures of attention in a dose-dependent manner: a double-blind, placebo-controlled, crossover study. 
  • Nutr Neurosci. 2022 Apr;25(4):698-708. (Epub 2020 Aug 11). 
  • Li et al. (2022) L-Theanine: A Unique Functional Amino Acid in Tea ( Camellia sinensis L.) With Multiple Health Benefits and Food Applications. Front Nutr. 2022 Apr 4;9:853846.
  • Bundeszentrum für Ernährung: Tee: Gesund trinken – Beliebtes Getränk mit gesundem Genuss
  • Baba et al. (2021) Effects of l-Theanine on Cognitive Function in Middle-Aged and Older Subjects: A Randomized Placebo-Controlled Study. J Med Food. 2021 Apr;24(4):333-341.
  • Deb et al. (2019) Neuroprotective attributes of L-theanine, a bioactive amino acid of tea, and its potential role in Parkinson’s disease therapeutics. Neurochem Int. 2019 Oct;129:104478.
  • Kakutani et al. (2019) Green Tea Intake and Risks for Dementia, Alzheimer’s Disease, Mild Cognitive Impairment, and Cognitive Impairment: A Systematic Review. Nutrients. 2019 May 24;11(5):1165.
  • BfR (2003) Getränke mit isoliertem L-Theanin – Stellungnahme
  • Bakhyia (BfR) (2017) Risikobewertung von Botanicals in Nahrungsergänzungsmitteln. Vortrag im BfR-Forum „Nahrungsergänzungsmittel – ein Trend ohne Risiko?“, Berlin, 26.01.2017